Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 155)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3486266-3486309--6215-3492589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11? dass die ganze Welt, die ganze Menschheit halb schuldig, halb unschuldig sei, so dass die Tat, die er eben auszuführen im Begriffe steht, darüber entscheiden wild, ob die Menschheit dem verurteilenden Richterspruch Gottes verfallen wird oder als tugendhaft erkannt werden kann. Es ist unschwer zu erkennen, dass die wichtigen Gebote des קדוש ה׳ und des \חלול ד in dieser scharfen Betonung der individuellen Verantwortlichkeit für die Gesamtheit ihre Quelle und Begründung haben. Eine derartige energische Schärfung der Gewissen hinsichtlich des Gefühls der Verantwortlichkeit gegenüber dem Wohl der Gemeinschaft, sowohl in äusserem Betracht als auch in geistiger und sittlicher Beziehung, ist die beste Erziehung zum sozialen Empfinden und sozialen Verhalten, eine wirksame Propädeutik. Hören wir nunmehr auch noch von den Kodifikatoren des jüdischen Gesetzes und werfen wir noch einen Blick auf die jüdischen Gemeinden der Vergangenheit und der Gegenwart, um die praktische Auswirkung des sozialen Geistes kennen zu lernen. Zu den Pflichten der persönlichen Wohltätigkeit, die im Judentum in höchster Geltung stehen, gehören die Fürsorge für Kranke, Sterbende und Gestorbene, zählt der Einsatz der eigenen Person für die Auslösung von Kriegsgefangenen, die Ausstattung armer Bräute und die Erziehung von Waisenknaben zu einem Handwerk und zum Thora-Studium; es gehört zu ihnen ganz besonders die Gastfreundschaft gegen jedermann, vornehmlich gegen arme Wanderer. Es fehlt nicht an Vorbildern, die uns vorgehalten werden. Sie reichen zurück bis zum Stammesvater Abraham. Es wird von einem Kleinod erzählt, das Abraham stets an seinem Halse getragen und das Gott nach Abrahams Tod an den Sonnenball geheftet habe. Es ist hier der menschenfreundliche soziale Sinn des Patriarchen gemeint, der wie die Sonne den Nachkommen als Wegweiser voranleuchten soll und die Menschen zu wärmen besimmt ist. Es fehlt auch nicht an Sätzen unserer Weisen, die da z. B. sagen: ״Lasse Arme die Genossen deines Hauses sein!“ Und hochbedeutsara sprechen sie, um Engherzigkeit und Selbstsucht die Spitze zu bieten, die Worte: ״Mehr noch als der Reiche mit dem Armen tut, tut der Arme mit dem Reichem‘; denn das Bewusstsein, besser geworden zu sein durch Bekundung etiler werk-