Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 152)
- Language
- German
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114 Der Talmud erzählt uns, dass Adam, als ihm nach dem Sündenfall die Strafe Gottes verkündet wurde, dass der Erdboden ihm Dornen und Disteln hervorbringen solle, in lautes Weinen ausgebrochen sei und die Worte gesprochen habe: ״Nun muss ich and mein Esel aus einer Krippe die Nahrung nehmen.‘4 Als aber Gott in der Strafverkündigung fortfuhr und sagte: ,,Im Schweisse; deines Angesichts sollst du dein Brot essen!“, da habe Adam sich beruhigt, weil er sofort das Gefühl batte, dass er durch die Werte schaffende Arbeit sich weit über die Kreatur zu erheben vermochte. Die Arbeit begründet des Menschen Würde, sie ist seines Lebens Inhalt und Würze. Der Arbeiter bei seiner Arbeit ist von der Pflicht entbunden, vor einem Weisen, einem Thoragelehrten auf stehen zu müssen, wiewohl die Achtung und Ehrerbietung vor den Vertretern geistiger Qualitäten eine unbestreitbare Übung in Israel ist und schon in der schriftlichen . Thora ihren pflichtmässigen Ausdruck gefunden hat. Alles soziale Empfinden ist letzten Endes verankert in dem Bewusstsein der Stellung, die ich in der Gesamtheit, in der Ge- Seilschaft einnehme, in dem Gefühl der Bedeutung, die die Gesamtheit für mich hat, in dem infolgedessen begründeten Verantwortlichkeitsgefiihl, das mich mit der Gesamtheit, der Gesellschaft als solcher verbindet. Gemeihsinn und Verantwortlichkeitsgefühl sind der Nährboden des sozialen Gefühls und der sozialen Arbeit. Was lehrt uns nun Bibel und Talmud nach dieser Richtung? Es ist vielleicht das Köstlichste von allem, was hier überhaupt einschlägiig ist. Es ist sicher der glänzendste Ruhmestitel des sozialen Geistes des Judentums, der mit den hier in Betracht kommenden Lehren und Aussprüchen begründet wird. Obenan steht der Satz Hillels: ,,Wenn ich nicht für mich bin, wer wäre sonst für mich? Aber wenn ich allein für mich bin, was wäre ich dann?“ Wohl fordert also Hillel ein mannhaftes, tapferes Eintreten für sich selber. Aber wenn wir auch noch so tapfer und erfolgreich für uns arbeiten, so wären wir, auf uns allein angewiesen, gar nichts, ein hilfloses Geschöpf, ein schwankendes Rohr. Zur Erklärung dieses Satzes Hillels wird uns im Talmud berichtet, dass Ben Soma, wenn er die wogende Menge der Tempelbesucher auf dem Tempelberg schaute, zunächst einen Segensspruch für Gott sprach, der als der Kenner aller Geheimnisse alle Be-