Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 147)
- Language
- German
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109 _ Gewiss, die Zeitgenossen fasten nnd kasteien sieb; aber ihr Eigennutz lind ihre Selbstsucht lassen sie die Pflicht dos sozialen Empfindens und Handelns vergessen. Sie geben ihre Sklaven nicht frei und lassen die Unglücklichen, die auf diese Stande der Befreiung geharrt hatten, in Enttäuschung und Unglück ihre Ketten weiterschleppen. Sie brechen nicht die Tragstangen des Joches, mit welchem sie ihre Mitmenschen, ihre Brüder nnd Schwestern, belasten. Sie bedrücken fort und fort ihre Arbeiter. Die Aufgabe des Propheten ist aber «ficht nur das Einreisseu, sondern anch das Aufbauen, nicht nur der Tadel und die Rüge, sondern auch der Nachweis des allein richtigen Weges, den die Zeitgenossen geben sollen. Und nun schildert der Prophet den Weg sozialen Empfindens und Handelns, der allein eine wohlgefällige Feier des Versöhnangstages begründen würde: ״Fürwahr, brich dem Hungrigen dein Brot, zerzauste Arme bringe in dein Haus! Siehst du einen Nackten, so kleide ihn! Entziehe dich aber nicht deinem Fleische!4״ Ganz besonders betont er noch, dass, wenn überhaupt im Dienste Gottes nicht die Tat, sondern die Gesinnung, die Empfindung, mit der wir die Tat bekleiden, entscheidend sind, dies ganz gewiss beim sozialen Verhalten gelten müsse. Er sagt: ״,Lasse dem Hungrigen Zuströmen deine Seele, und die gequälte Seele musst du erquicken!44 Das freundliche Wort, das du sprichst, die tröstende und aufmunternde Rede ist mehr wie das Stück Brot, und die menschenfreundliche Miene, mit der du gibst, entscheidet über den Wert deiner Gabe. Das sind goldene Worte teilnahmsvollen, brüderlichen Verhaltens, das ist der Sozialismus des Judentums. * Der Talmud kleidet den zuletzt erläuterten Gedanken in die vielsagenden Worte: ״,Almosen findet seinen Lohn nur entsprechend der Liebe, die sich damit verbindet.4״ Ebenso wie wir hier bei Jesaia feststellen können, dass die Jubelgesetzgebung nicht nur Theorie, sondern auch Praxis war, Praxis sein sollte, so können wir ihre tatsächliche Geltung auch bei den Propheten Jeremia und Ezechiel feststellen. Zur Zeit der Belagerung Jerusalems, als die Babylonier die Stadt eingescblossen hielten, wird Jeremia der Auftrag, von seinem Onkel Chanamel, dem Sohn des Schallum, der Auslösungspflicht entsprechend ein Feld zu kaufen, den Verkauf niederzuschreiben und zu besiegeln, damit ein Ausweis bei der Wiederkehr des Jubeljahres gegeben