Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 142)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3486266-3486309--6202-3492576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
104 Israel das Halten von Sklaven zu verbieten, während seine Kriegsgefangenen von den nicht an die Bestimmungen der Thora, gebundenen Völker unbarmherzig als Sklaven behandelt worden wären i Aber die Thora gibt Bestimmungen, die zum Teil die Sklaverei aoibeben, zum Teil ihre Aufhebung vorbereiten und jedenfalls, wie wir beim Sabbat gesehen haben, dieselbe in einer überaus energischen Weise mildern, ganz gewiss aber den unglücklichen Sklaven mit dem Gefühl seiner Menschenwürde zu erfüllen vermögen. Hören wir nur die eine Bestimmung, dass ein Sklave, der von seinem Herrn zu uns geflohen ist, niemals mehr an seinen Herrn ausgeliefert werden darf; er soll im Lande sich ansiedeln dürfen, wo immer er will. Das bedeutet doch den Ausdruck der Ungesetzmässigkeit der Sklaverei in der Anschauung der Thora. Der Herr ist gehalten, seinen Sklaven in Kleidung, Wohnung, Nahrung menschenwürdig zu behandeln. Ja die Bestimmungen sind so ausserordentlich human und für den Herrn so empfindlich, dass der Talmud sagt, wer sich einen hebräischen Sklaven verschafft, schafft sich einen Herren. Vor allem schärft der Talmud ein, dass der Herr über die Wahrung der Menschenwürde im Sklaven wachen muss. Wir finden Beispiele von Sklaven, die in der Tat eine gebietende Stellung im Hause einnehmen — denken wir an Abrahams Diener Elieser aus Damaskus! — Wir finden Sklaven, die sogar Gelehrte sind und von ihrem Herrn als solche bezeichnet werden. So Tobias, der Sklave des Rabbi Gamaliel. Im Hause des Patriarchen Rabbi Jehuda lebte eine Sklavin, die durch ihre Klugkeit und Gelehrsamkeit überraschte und oft die Gelehrten durch ihre Schlagfertigkeit in Verlegenheit versetzte. Für die Beurteilung der Sklaverei im alten israelitischen Staat ist ganz besonders eine Einrichtung ausschlaggebend, von der wir nunmehr werden zu sprechen haben. Der Sklave in Israel ist durch eine umfassende soziale Einrichtung aus dem dumpfen Hinbrüten und der stumpfen Verzweiflung seines Standes durch das Bewusstsein hinausgehoben, dass seine Sklaverei zeitlich begrenzt ist, dass sie ihr absehbares Ende haben wird. Wir haben uns von der einzigartigen Einrichtung des Erlass-Jahres und des Jubel-Jahres zu unterhalten, deren sozialer Sinn und Bedeutung angestaunt zu werden verdient. Die Bibel geht von der grundlegenden Anschauung aus, dass ebenso wenig