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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1924-01-01 · XVI. (1924) · page 136

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XVI. (1924)
Date
1924-01-01
Page
– (sequence 136)
Language
German
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98 In Sätzen wie: ״Es sei dir die Ehre deines Nebenmenschen 60 lieb wie die deinige!״ ״Es sei dir das Vermögen deines Genossen so lieb wie das deinige!“ sehen wir die talmudische Interpretation des Satzes: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Der andere Ansspruch, den wir im Auge haben, ist der Satz, der von einer Klassifizierung der Menschen hinsichtlich ihrer Stellung zum irdischen Besitz ausgeht. Es heisst da: ״Wer da spricht, das Meinige ist mein und das Deinige ist dein, der ist ein Durch- 8chnittscharakter; aber einige sagen, das sei ein sedomitischer Charakter.“ Wie ist eine so gegensätzliche Auffassung überhaupt denkbar? Nun, der erste Gelehrte gibt sich damit zufrieden, dass der Mensch einer solchen Auffassung wenigstens der Gerechtigkeit huldigt, die!,flicht der Gerechtigkeit gegen das Mein und Dein anerkennt. Der zweite Lehrer aber, der im Sinne des herrlichen Psalmworts überzeugt ist, dass , die Welt nur durch die Liebe gebaut werden kann“, dass nur durch die Liebe die menschliche Gesellschaft erhalten werden kann, betrachtet die in dieser Auffassung sich aussprechende Verleugnung der Liebe, der sozialen Wohltätigkeit und Wirksamkeit als ausschlaggebend, um einen solchen Menschen auf die Stufe der Bewohner von Sedom zu stellen, die jeder Liebe und Barmherzigkeit bar gewesen sind. In der Tat bezeichnet auch diese Mischna denjenigen, der da spricht: ״Das Meinige und das Deinige ist dein“, als חסיד, als Frommen, als Menschenfreund, während sie denjenigen, der sagt, das Deinige und das Meinige ist mein, als einen Frevler kennzeichnet. Weit entfernt aber ist die Auffassung des Judentums von der Überspannung ״dieses selbstlosen Grundsatzes etwa im Sinne des Evangeliums, so dass sie den Kommunismus predigte. Denn die Mischna sagt von der 4. Gruppe: ״Wer da spricht, das Deinige ist mein und das Meinige ist dein, das ist einer vom Volke des Landes, ein Unwissender, ein Ungebildeter“. Denn er leugnet die Notwendigkeit des Privateigentums für x die Ermöglichung des Fortschritts in der menschlichen Gesellschaft. Darum denn auch die Sekte der Essäer, die das gemeinsame Eigentum als ein Ordensgelübde forderte, den Beifall des offiziellen Judentums nie und nimmer gefunden hat. Mit gutem Grund können wir also behaupten, dass Bibel und Talmud in der Forderung des sozialen Geistes, der sozialen Gerech-

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