Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 135)
- Language
- German
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97 Brauchen wir eigentlich noch nach dem sozialen Geist im Jadentum!ragen, wenn die Bibel diesen Geist zur Yoraassetzang hat^ der Talmud, die zweite Religionsquelle, ihn als unbestrittenes Postulat auf stellt, wenn er im Leben und Weben der Sprache urwüchsig waltet und auch in des Gebetes stiller and diskreter Zwiesprache, wenn wir Hilfe heischen, wir um des willen ans an Gott wenden, weil er das Wesen der sozialen Gerechtigkeit and Liebe ist und darum für uns gerade ob dieser Eigenschaften ist und bleibt der Quell der Hoffnung, des Vertrauens und der Gewissheit? Und dennoch wollen wir für den Erweis dieses in der jüdischen Religion obwaltenden sozialen Geistes noch zwei Aussprüche unserer Weisen hervorheben, die mehr als andere beweiskräftig sind. Rabbi Chanina, Sohn Dosas, sagt: ״An jedem, an dem der Geist der Geschöpfe Wohlgefallen hat, hat auch der Geist des Allgegenwärtigen Wohlgefallen, und derjenige, an dem der Geist der Geschöpfe kein Wohlgefallen hat, kann auch das Wohlgefallen des Allgegenwärtigen nicht finden.“ Dieser Satz lehrt uns, dass die praktische Übung von Liebe und Gerechtigkeit im Sinne des von der Gottheit vorgehaltenen Ideals dafür entscheidend ist, ob ein Mensch überhaupt als ein Frommer bezeichnet werden kann. Und auch diese Anschauung der jüdischen Religion spiegelt uns der Sprachgeist mit untrüglicher Beweiskraft wieder. Welches Wort bezeichnet denn im Hebräischen den Frommen? Das Wort חסיד .חסיד aber ist der Menschenfreund, der Liebevolle, der an Gnade gegen die Menschen Reiche. Menschenliebe und Frömmigkeit decken sich dieser Begriffs- und Sprachbildung entsprechend durchaus. Niemand ist fromm, der nicht liebevoll ist, der kein Menschenfreund ist. Rabbi Jochanan ben Sakkai fragt seine Schüler, welches der rechte Weg sei, an dem der Mensch hangen soll, und er findet die Antwort am besten, die das gute Herz als diesen Weg bezeichnet, weil durch den Besitz eines guten Herzens eine ideale altruistische Auffassung garantiert ist, die uns den Menschen als der beste Freund, als der hilfreichste Nachbar, als der vorsichtigste Wahrer seiner Ehre und Empfindungen gegenüber zu treten befähigt und uns vor allem neidlos das Glück der anderen hinnehmen lässt. Jahrbuch der J. L. G. XVI.?