Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 133)
- Language
- German
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95 lassen allen Unrechts erblickt Damit ist aber auch die Menschenliebe über den Charakter eines in seinem Wert sehr fraglichen Getühls, zu dem man niemand zwingen kann, hinausgehoben. Damit ist der Menschenliebe der Charakter der sozialen Tat verliehen. Um werktätige Nächstenliebe handelt es sich, die pfiichtgemäss zum Wohle de» Nächsten beiträgt und Unglück und Unrecht von ihm fernhält, mit seinem Glück sich freut und mit seinem Unglück sich betrübt. Und so lautet denn die Forderung des Judentums auf gleichmässige soziale Liebe und Gerechtigkeit für alle Menschen ohne Unterschied. Hillel fasst aber die Menschenliebe und ihre Quelle, das Wohlwollen, auch positiv auf und sagt uns: ״Sei von den Schülern Aharons, liebe den Frieden und jage ihm nach, liebe die Geschöpfe und führe sie zur Thora hin!“ Im Sinne der göttlichen Forderung genügt soziale Gerechtigkeit, so wichtig sie auch ist, allein keineswegs, und es muss hinzukommen positive Liebe, die sich darin bekundet, dass wir die Menschen zum Frieden und zur Bildung hinführen» Und merkwürdig genug! Hillel wählt in diesem Satz den allgemeinsten Ausdruck, der überhaupt denkbar ist. Er sagt nicht: Liebe deinen Nächsten oder auch nur die Menschen. Er sagt: ״Liebe die Geschöpfe!“ Und wer wäre so niederträchtig und sinnlos zugleich, behaupten zu Wollen, dass unter den Geschöpfen etwa nur die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft gemeint wären? Im Talmud finden wir einen Ausspruch Kabbi Akibas, der dahin lautet: ״Der Satz, ״liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ sei ein כלל גדול בתורה, ein Fundamentalgesetz der Thora“. Dazu bemerkt Ben Asai: ״Der Satz: ״Das ist die Schöpfungsgeschichte des Menschen“r der eine rückblickende Zusammenfassung der Menschheits-Schöpfung in der Genesis einleitet, sei ein solches Fundamentalgesetz der Thora“. Damit will Ben Asai lehren, dass nur dann der Satz: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ richtig aufgefasst ist, wenn er auf alle Nachkommen Adams — und das sind doch alle Menschen — erstreckt wird. Wir verweilten etwas länger bei diesem Punkte, weil er ja letzten Endes die Grundlage für alle soziale Pflicht im Judentum