Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 132)
- Language
- German
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94 Schöpfung des Menschen als Grundlage für unsere Auffassung sozialer Pflicht nicht weniger deutlich gelehrt. Gott schuf den Mensehen als ein Einzelwesen und lässt von ihm das ganze Menschengeschlecht abstammen. Demgemäss sind alle Kinder eines Vaters, sind sie alle Geschwister. Wie sollten sie sich also nicht lieben? Wie sollten sie sich also nicht gegenseitig um ihr Wohl bekümmern? Und merkwürdig genug! Die hebräische Sprache kennt keinen Plural für das Wort ״Mensch", weil אדם, der Mensch, ja ein Eigenname ist. Will sie nun die Mehrzahl ausdrücken, dann wählt der hebräische Sprachgeist die Bezeichnung ־ בני אדםdie Kinder Adams. Könnte sich deutlicher die Pflicht der sozialen Gerechtigkeit und Liebe gegenüber allen Menschen ausdrücken, als durch dieses Leben und Weben •der jüdischen Volksseele in der Sprache? ״Kinder Adams״ das ist wirklich deutlich und unzweideutig; das sind alle Menschen ohne Unterschied. Wir konnten bereits feststellen, dass die Philosophie in dem Wohlwollen eine doppelte Forderung, bezw. den Anreiz zur Erfüllung eiuer Doppelforderuug ausgeprägt findet, die Forderung der Gerechtigkeit und Liebe. Man kann demgemäss von einer negativen und positiven Aeusserung des Wohlwollens sprechen. Die negative Forderung der Menschenliebe fasst nun Hillel, gewiss einer der bedeutendsten Wortführer des Judentums, in den Satz: ״Was dir verhasst ist, das tue auch deinem Genossen nicht!״ Welches Recht hatte Hillel zu dieser Auffassung und Erklärung, die bis zu einem gewissen Grad Gerechtigkeit und Liebe gleichsetzt, die die ureigenste Übung der Liebe in den Aeusserungen der Gerechtigkeit sieht? Bei dem Gebot ואהבת לרעך כמוך, das gemeinhin übersetzt wird: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!״ ist auffällig und wird zumeist übersehen, das hier das Zeitwort אהב mit Lamed, also mit dem Dativ verbunden ist, während sonst dieses Zeitwort regelrecht den Akkusativ regiert. Man denke nur an das parallele Gebot der Gottesliebe! Aben Esra macht mit Recht darauf aufmerksam, dass man übersetzen müsse: ״Du sollst für deinen Nächsten lieben, was du für dich liebst״. Damit haben wir nun genau die Auffassung Hilleis, der in dem Gebot der Menschenliebe zunächst die Aufiforderang zur Gerechtigkeit, zur sozialen Gerechtigkeit, zum Unter-