Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 130)
- Language
- German
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92 -das ist Selbsterhaltungsarbeit für die Gesamtheit. Diese Gedankeri, wiederum auf die Gottheit übertrage», sind ganz besonders vielsagend. Was würden wir von der Sittlichkeit eines göttlichen Wesens halten, das sich nicht gedrungen fühlte, vergeltend, strafend einzugreifen. wo Unrecht geschieht, das sich nicht gedrungen fühlte, das beleidigte und gekränkte Recht wiederherzustellen zum Wohle und zum Bestände der menschlichen Gesellschaft? Dieses Wesen wäre weder gerecht noch gütig. Der Vorwurf des Gottes der Rache wiegt nicht schwer. Er ist unsinnig, er ist der Ausfluss absichtlicher Blindheit. Wir haben, und zwar belehrt durch die Ausführungen der Philosophie, gesagt, dass im sozialen Empfinden Gerechtigkeit und Liebe Zusammenflüssen. Übertragen wir auch diesen Gedanken vom Menschen auf Gott, der nach der Lehre des Judentums das sittliche Vorbild für .uns sein soll, und lesen wir einmal auf Grund dieser Ausführungen eine der herrlichsten Stellen der Thora aus dem V. Buch Moses mit einiger Aufmerksamkeit: ,JWahrlicb, der Ewige, euer Gott ist das Machtwesen aller Macht- ״wesen, der Herr aller Herren, der mächtige, grosse und verehr- ״ungswürdige Gott, der kein Ansehen begünstigt und keine Be- ״stecbung annimmt, der das Recht ausübt der Waise und der Witwe, ״der den Fremdling liebt, um ihm Brot und Gewand zu geben. ״Darum sollt auch ihr den Fremdling lieben; denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Ägypten. Den Ewigen, deinen Gott, ״sollst du fürchten, ihm sollst du dienen, ihm sollst du anhängen, ״bei seinem Namen sollst du schwören!“ Das Zusammenfallen von Liebe und Gerechtigkeit im sozialen Empfinden und Handeln zeigt sich auch im vorbildlichen Wesen und Wirken der Gottheit. Auch bei ihm paaren sich Liebe und Gerechtigkeit, und er erweist Liebe und Gerechtigkeit vor allem denen, die ihrer am meisten bedürfen, weil sie keinen Beschützer hier auf Erden haben, den Witwen und den Waisen, und dem ob seiner anderen Rasse, ob seines anderen Volkstums so leicht gekränkten und übervorteilten Fremden. Ihm, diesem Wesen der Gerechtigkeit und Liebe, ihm, diesem Wesen des sozialen Empfindens und Handelns, sollt ihr anhangen; das heisst: sein Beispiel und Wirken soll für euch massgebend sein. Wir kehren nochmals zur teleologischen Ethik zurück. Ich zitiere auch hier die Ausführungen Paulsens wörtlich: ״Der natür-