Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 129)
- Language
- German
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9i Volksseele, in diesem Fall die jüdische Volksseele aoch tatsächlich sich yorsteilt und empfindet. Wir sehen mithin, dass schon von diesem Gesichtspunkt aus, von dieser Wortprägung und Begriffsfeststellung aus, wie sie sich in dem Worte צדקה darstellt, der soziale Geist des Judentums unbedingt erwiesen ist. Wir werden noch sehen, dass gerade aus den Wortprägungen der hebräischen Sprache der ideale soziale Geist des Judentums uns immer wieder entgegentritt. Doch zuvor ein anderes! Wie sehr gerade die Tugend der Gerechtigkeit ein Ausfluss sozialen Empfindens, sozialen Geistes ist, möge aus Folgendem erhellen: Die Philosophie fragt nach der Pflichtformel der Gerechtigkeit, und sie definiert sie dahin: Tue weder selber Unrecht, noch dulde, so viel an dir ist, dass überhaupt Unrecht geschieht. Oder positiv ausgedrückt: Achte und schütze das Hecht, fremdes wie eigenes« Das Judentum lehrt ganz in diesem Sinn: ״Der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit jage nach!״ Und Hillel spricht das Wort, auf den Frieden gewendet, der ja die Folge der Gerechtigkeit ist, dahin aus: ״Sei von den Schülern Aharonsl Liebe den Frieden und jage ihm nach!tt Von hier aus eröffnet sich für uns eine bemerkenswerte Perspektive für religionsgeschichtliche Vergleiche. Das Wort des Evangeliums, dass man demjenigen, der uns auf die eine Backe schlägt, auch die andere hinreichen soll, und dem, der uns den Hock raubt, aoch den Mantel dazu geben solle, ist ein unsoziales Wort. Es würde, würde es allgemein in die Tat umgesetzt, Ge* rechtigkeit zerstörend und darum Gesellschaft auflösend wirken. Ich muss in meinem Recht auch das Hecht der Gesamtheit verteidigen. Ein Verfahren nach dem Rat des Evangeliums aber würde immer wieder neues Unrecht auslösen, würde dem Verbrecher neuen Anreiz zum Verbrechen geben und den Zusammenbruch der Gesellschaft bedeuten. Du musst der Gerechtigkeit nachjagen, sagt die Thora. Und damit meint sie, du musst das Hecht verteidigen bei dir und bei anderen. Dü darfst, ja du musst das gekränkte Recht durch den Richter wieder herstellen zu lassen bemüht sein. Das ist keine grausame Vergeltung und ist keine Hache, ein Vorwurf, den man wohl dem Judentum unbegründeter Weise oft genug gemacht hat, das ist Gerechtigkeit und Liebe,