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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1924-01-01 · XVI. (1924) · page 128

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XVI. (1924)
Date
1924-01-01
Page
– (sequence 128)
Language
German
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Eingständnis der Schwäche der Philosophie hinsichtlich der Erklärung von der Entstehung des sozialen Empfindens. Das soziale Empfinden wurzelt durchaus nicht immer in der Einsicht oder in dem Gefühl des eigenen Nutzens. Wir wiederholen nochmals kurz die gewonnenen Gedankengange: das sympathische Gefühl des Mitleids ist die Voraussetzung des sozialen Empfindens. Durch die Vernuntt reguliert, erzeugt Mitleid die Tugend des Wohlwollens, und das Wohlwollen ist die Quelle des Wohltuns, der Wohltätigkeit, der sozialen Tätigkeit. Alle diese Ausführungen beweisen schon, dass im sozialen Auswirken notwendigerweise Gerechtigkeit und Liebe sich verbinden müssen. So sehr wir nun auch in dem schon erwähnten Grundpunkte mit den Ausführungen der teleologischen Ethik in Meinungs- Verschiedenheit sind, dass wir nämlich sagen, Mitleid und soziales Empfinden braucht und darf nicht einmal nach der Lehre und dem Geist des Judentums als vom Selbsterhaltungstrieb diktiert gelten, mag dieser Selbsterhaltungstrieb hier auch nur in dem Sinne begriffen werden, dass wir als Glied des Ganzen den Selbsterhaltungstrieb der Gattung, des Ganzen, der Gemeinschaft im Auge haben, in diesem Punkte stimmen wir der philosophischen Ethik unbedingt zu, dass es soziales Empfinden nur bei gleichzeitiger Wirksamkeit der Regung der Gerechtigkeit und Liebe geben kann. Und nun müssen wir auf eine frappante Zusammenstimmung der philosophischen Ethik mit der Auffassung des Judentums hinweisen. Die Philosophie unterscheidet im Wohlwollen eine negative und eine positive Seite. Sie sagt: der Wohlwollende ist bestrebt, Störungen vom Leben der anderen fern zu halten und günstige Bedingungen für ihre Wohlfahrt herbeizuführen. Und nun setzt sie diese beiden Forderungen des Wohlwollens als besondere Tugenden und erklärt sie als Gerechtigkeit und Liebe. Wer denkt da nicht ohne weiteres an das hebräische Wort צדקה, das Gerechtigkeit und Wohltätigkeit zugleich bedeutet? Wer wäre nicht überrascht zu sehen, dass die hebräische Sprache, der hebräische Sprachgeist sich ein Wort geprägt hat für eine auch von der Philosophie der modernen Zeit gepredigte Wahrheit, dass für das soziale Empfinden Gerechtigkeit und Liebe unzertrennlich sind? Der Sprachgeist kann aber nur solche Begriffe in Worte kleiden, die die

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