Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 127)
- Language
- German
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~89 unseren Willen zur Entfernung der Sehmerzensursaeben im Lebe« eines andern. Mithin kommt im Mitleid die Solidarität der Gemeinschaft zur Erscheinung: der Kollektivkörper empfindet die Störung, welche zunächst ein Glied trifft, als eine Bedrohung seiner selbst und wird dadurch getrieben, im Sinne seiner Selbsterhaltung zu wirken. Durch diese Gedankengänge konstruiert die philosophische Ethik sich die Entstehung des sozialen Geistes. Wir wollen schon hier bemerken, dass wir diesen Ausführungen nicht beistimmen können, dass wir in ihnen als Erklärung des sozialen Empfindens durchaus nicht das Ideal erblicken; denn der letzte Beweggrund des sozialen Empfindens wäre nach dieser Anschauung ein, wenn auch veredelter Egoismus. Wir sehen das soziale Empfinden vielmehr begründet in der uninteressierten selbstlosen Teilnahme an dem fremden Leid, wir sehen es in der unentwegten Übung der Tugend der selbstlosen Gerechtigkeit und selbstlosen Liebe des Guten um seiner selbst willen, wie es uns das Judentum lehrt und wie es uns in Gott, dem Vorbild aller Sittlichkeit, vor Augen gehalten wird, ohne dass wir dabei an den eigenen Nutzen denken, selbst wenn dieser Nutzen in der idealen Erwägung des Wohles der Gesamtheit liegen sollte, wenn dabei immer der Gedanke an das eigene Wohl und Wehe mitbestimmend sein soll. Doch hören wir die Philosophie noch weiter die sozialen Begriffe entwickeln. Die Philosophie fährt folgendermassen fort: Gefühlsantriebe reichen im Menschenleben zur Leitung des Handelns nicht aus-, sie bedürfen der Regulierung durch die Vernunft. Mit Recht sagt man vom Zorn und von der Liebe, dass sie blind seien. Das gilt auch vom Mitleid. Auch das Mitleid bedarf, um im Sinne der Wohlfahrt zu wirken, der Erziehung und Leitung durch die Vernunft. Die Tugend, die bei der Regulierung des Mitleids durch die Vernunft entsteht, nennen wir das Wohlwollen. Es ist diejenige Willensrichtung und Verhaltungsweise, welche die Wohlfahrt der Umgebung zu fördern die Tendenz hat, indem sie Störungen fern hält und günstige Lebensbedingungen herbeiführt. Im Wohlwollen tritt nun das Mitleid gegen das Wobltun zurück. Der Wohlwollende und Wohltätige handelt im Sinne der Verhütung und Entfernung fremden Leides, ohne dass es dazu allemal des Mitleids bedarf. In diesen Worten fühlen wir das