Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XVI. (1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- – (sequence 126)
- Language
- German
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88 Behauungen des Judentums, die, wie bereits gesagt, geschichtlichen Wert und aktuelle Bedeutung in sich verbinden. Bevor wir von dem sozialen Geist im Judentum sprechen, wollen wir im allgemeinen hören, was die Philosophie über die sozialen Tugenden, ihr Wesen und ihre Quelle uns zu sagen hat, uud dem wollen wir alsdann die speziell religiöse Lehre und Anschauung gegenüberstellen. Wir folgen dabei den Ausführungen Friedrich Paulsens in seiner Ethik. Die Philosophie sagt: Der soziale Sinn im allgemeinen erzeugt soziale Tugenden. Diese Sozialen Tugenden haben eine Naturgrundlage, und diese Naturgrundlagen sind die sympathischen Gefühls- und Willens-Erregungen. Man unterscheidet nämlich seitens der Philosophie zwischen idiopathischen Willens-Erregungen und sympathischen Willen-Erregungen. Idiopathische Willens-Erregungen sind diejenigen, welche in den Vorgängen des eigenen Lebens ihren Ursprung haben. Sympathische Willens-Erregungen sind solche, welche durch Übertragung von einem fremden Leben wie durch eine Art Ansteckung entstehen. Alle Gefühlserregungen haben, wenngleich in verschiedener Stärke, die Tendenz, durch Miterregung sich auszubreiten. Freude und Schmerz, Furcht und Hoffnung, Liebe und Hass, Verachtung und Verehrung, fröhliche Ausgelassenheit und ernste Feierstimmung. Von allen Gefühlen aber scheint der Schmerz am leichtesten durch Miterregung sich auszubreiten. Die Sprache zeigt dies, indem sie nur für den sympathischen Schmerz ein Wort gebildet hat: das Wort Mitleid. Mitfreude und Mitfurcht sind nicht gebildet. Die Philosophie, bezw. die teleologische Ethik, d. h. diejenige Darstellung der Sittenlehre, die bei allen sittlichen Erscheinungen und Willensantrieben darnach fragt, ob dieselben einen Zweck haben, ob sie die Tendenz besitzen, im Sinne der Vergrösserung des Glückes, sei es des eigenen oder ganz besonders des Glückes der Gesamtheit zu wirken, fragt nun in Fortsetzung ihrer Ausführungen weiter, * was eigentlich die Bedeutung des sympathischen Gefühls und besonders des Mitleids für den Lebenshaushalt ist. Ihre Aufgabe ist, so antwortet die Philosophie, den Willen im Geschäfte der Selbsterbaltung zu leiten. Ein idiopathischer Schmerz wirkt als Aureiz zur Entfernung des Übels oder der Störung, Welche das eigene Leben bedroht. Das Mitleid aber bestimmt