Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XIV. (1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
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64 Sonntags früh war der Lärm entsetzlich gross. Das Getob von Kutschen, Wägen, Ross und Menschen in ganz Frankfurt machte ein rührender Anblick; kurz, es lief davon, wer nur konnte. — M. kam zu springen und sprach: geschwind richtet euch, ich habe eine Kutsche gedungen, sie wartet vor der Gasse. Wir gingen sogleich fort. Er hatte noch 100 Louisdor in Silbergeld; dieses nahm ich mit. Aber wie wir hinauskamen, so war die Kutsche schon fort״ ein Anderer hat sich hineingesetzt und ist mit davongefahren. Er lief, eine andere zu bekommen, aber vergebens. Er sagte zu mir, ich sollte das Geld heim tragen und mit M.1) dasselbe im Keller vergraben lassen. Ich machte ihm Vorstellung, dass wir es mit einander tragen könnten. Nein, erwiderte er, wir wollen uns nicht aufhalten und zudem sollen die Jungen auch etwas zu Haus haben; man kann nicht wissen, wie man es gebraucht. Wenn alles fehlt, kann M. es an Bognen geben (dieser war ein Chef [Regierungsrat] in Frankfurt, bei welchem er sehr angesehen war). Bei all dem war er unentschlossen, wie er es mit dem Geld machen soll. Er blieb aber zuletzt doch zu Haus. Nachdem wir 3 bis 4 Stunden vergebens auf einer Kutsche gewarten, kam endlich eine; er musste bis nach Hanau, welches 3 Stunden ist, 3 Louisdore zahlen. Wir reisten denn im grössten Lärmen von Frankfurt ab und kamen glücklich in Hanau an. — Wir waren nun in banger Erwartung, wie es mit Frankfurt zugehen wird. Es gingen noch immer Leute hin und her. Dienstag bekamen wir Brief von M., dass er nicht wüsste, wo E2) hinkommen wäre. Eine Stunde darauf kam E. selbst nach Hanau. M. fragte ihn zornig, er habe ja versprochen, da zu bleiben. Ja, sagte Jener, mein Leben ist mir so lieb, als euch das eurige; man hat gestern mit einer Bombardirung gedroht und man hat wirklich in der Nähe schon schiessen gehört. So bin ich auf der Steile fort und habe l) M. war ״Ladenbedienter" bei M. S. *) E. war, wie E. H. ihn kurz zuvor charakterisiert ״der zweite Schreiber (bei M. S.), ein junger Mann von etliche 20 Jahren, sehr geschickt in der Feder, hat scharfsinnigen Kopf, ist immer tiefsinnig, denkt philosophisch, aber nicht standhaft bei einer Meinung, bald lebt er in den יחסיך bald den Atheist* *), bald schätzt er das Geld hoch und bald verachtet er’s, besitzt ein überaus gutes Gedächtniss, hat sehr viele Bücher durchgelesen und alles im Kopf." — ף (Randbemerkung).