Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XII. (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- – (sequence 155)
- Language
- German
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152 Ein allzu enges, sorgsames und ängstliches Anlehnen an die Gesamtheit könnte aber auch das Grab ieder Energie und Willenskraft, jeder starken Persönlichkeitsentwickelung werden; es wäre zumal dann ein Unglück, wenn die Menge selbst feige und willensschwach ist. In solchen Fällen ist das Heraustreten aus der Menge Pflicht, und widerspricht keineswegs der sonst empfohlenen Bescheidenheit. Es klingt wie ein Kommentar zu Hilleis Leben, wenn er (Aboth II, 6) uns zuruft; ״Und an einem Orte, wo es keine Männer gibt, bemühe Du Dich ein Mann zu sein!״ In diesem Sinn hatte er die Patriarchenwürde angenommen. Wie der Rat der goldenen Mitte mutet uns sein epigrammatisches Wort an (Aboth I, 14): ״Wenn ich nicht für mich bin, wer wäre dann für mich? Aber wenn ich für mich allein bin, was wäre ich dann?״ Ohne die Anlehnung an die Gesamtheit, ohne eingewurzelt zu sein in die Gesamtheit, bist Du ein schwaches, schwankes Rohr, willenlos vom Sturm bald dahin, bald dorthin getrieben. Aber auch in der Gesamtheit bist Du nichts ohne den starken Willen, für Dich selber einzutreten und Dich zu bewähren. Hillel war nicht nur ein bedeutender Lehrer der Menschen seinerzeit und aller Zeiten; er war als Vorsteher eines Lehrhauses auch wirklicher Pädagoge, und als solcher hat er es auch an pädagogischen Winken nicht fehlen lassen. Wir haben solcher Sätze im Verlauf unserer Ausführungen schon manche kennen gelernt; ״Wer nicht zunimmt, nimmt ab". ״Sprich nicht, wenn ich Müsse haben werde, werde ich lernen, vielleicht bekommst Du keine Müsse״ .״Wenn nicht jetzt, wann denn?״ Ganz besonders stimmen wir Hillel zu, wenn er sagt: ״Ein Jähzorniger kann nicht Lehrer sein". Wir fügen diesen Sätzen noch den weiteren hinzu: ״Ein Schüchterner, (der sich zu fragen schämt), kann nicht lernen״ (Aboth II, 5) und endlich einen den Lehrer zur vollen Klarheit des Vortrags bestimmenden Satz: ״Sprich nicht ein Wort, das man unmöglich verstehen kann, in der Hoffnung, dass es schliesslieh doch werde verstanden werden!״ (Aboth II, 6). An verschiedenen Stellen (so Siphre zu IV. M. 19, 2; Tosifta Ohaloth 16; Tosifta Parah 4) wird uns berichtet, dass Hillel hin und wieder auf die Fragen seiner Schüler eine absichtlich falsche Antwort gegeben habe, um dadurch festzustellen, ob das früher Gelernte in ihrem Gedächtnis haften geblieben sei. Wenn