Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XII. (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- – (sequence 154)
- Language
- German
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IÖI Aber auch der Geist* des unvergleichlichen Gottvertrauens Hilleis beherrschte sein Haus durchaus. Während von Schammai erzählt wird, dass er in gewissem Sinn tagtäglich zu Ehren des Sabbaths ass, da er immer das Beste für den Sabbath zurücklegte und es am Werktag nur dann genoss, wenn er etwas noch Besseres für den heiligen Sabbath gefunden hatte, erachtete Hillel in seinem unvergleichlichen Gottvertrauen eine solche Vorsorge nicht für notwendig. Er war überzeugt, dass ihn Gott immer wieder das für den Sabbath Notwendige zur rechten Zeit werde finden lassen (Bezah 16a). Dieses Vertrauen auf Gott, das ein beständiges Murren und Klagen, eine unaufhörliche Aufregung ausschliesst, beseelte sein Haus in dem Masse, dass Hillel, als er von einer Reise zurückkehrte und ein gewaltiges Geschrei aus der Stadt ihm entgegenscholl, in Ruhe erklärte, er sei überzeugt, dass dieses Geschrei nicht aus seinem Hause erschalle. Der Talmud wendet darum auf ihn den Psalmvers an; ״Vor einer bösen Nachricht fürchtet er nicht, sein Herz ist fest, vertrauend auf Gott״ (Beraehoth 60 a). Hillels Ethik wäre ganz gewiss nicht vollständig, wenn er nicht auch ein Wort über den Gemeinsinn, die Pflicht des An- Schlusses an die Gesamtheit hätte hören lassen. Wie eine Lebens- Parole lautet der Satz^Aboth II, 5): ״Trenne Dich nicht von der Gemeinde!״ Stehe der Gemeinde bei in Freud und Leid, teile ihre Sorgen, ihre Gefahren, ihr Glück und ihre Freude! In diesem Sinn sagt der Talmud: ״Jeder, der an dem Schmerz der Gemeinde teilnimmt, hat das Glück, auch den Trost der Gemeinde mitzuerleben״ (Taanith 11 a). Indessen gibt uns Hillel selbst noch eine andere'Erklärung dieses Wortes, die sich an den Satz des Predigers anlehnt: ״Es gibt eine Zeit zu weinen, und es gibt eine Zeit, zu lachen״. Hillel warnt den Menschen, sich in Gegensatz zu der Gesamtheit zu stellen und dadurch zu einem Sonderling* zu werden. Was Hillel in dieser Richtung ausiiihrt (Tösifta Beraehoth II, Ende), das hat Michael Sachs in den schönen Vers gekleidet : ״Weine nicht, wo andre lachen, Sei nicht fröhlich, wo man weint. Schlafe nicht, wenn andre wachen. Denk, ich hab’ es gut gemeint. Denn, mein Freund, vor allen Dingen, Sei nicht von den Sonderlingen!״ .