Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1918-01-01 · XII. (1918) · page 145

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
XII. (1918)
Date
1918-01-01
Page
– (sequence 145)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3486266-3486293--4997-3491367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

142 In der Zeit Hillels und Schammais hatte sich infolge der trüben politischen Ereignisse eine tiefe Schwermut eingestellt, eine trübe Lebensauffassung Platz gegriffen, die z. B. bei den Essäern direkt zur Weltflucht, zur Abkehr vom Leben führte. Sie entspricht nicht dem Geist der Thorah, die das Leben freudig bejaht. Den Niederschlag dieser Stimmung finden wir in einer allbekannten Talmud-Stelle (Erubin 13a), wo es heisst: ״Zwei und einhalb Jahre haben die Schule Schammais und die Schule Hillels über die Präge gestritten, ob es für den Menschen besser sei, nicht geboren zu sein oder geboren zu sein. Die Schule Schammais vertrat die erstere Ansicht, die Schule Hillels die letztere. Sicher unter dem Einfluss der traurigen Zeitverhältnisse einigte man sich schliesslich auf die Ansicht der Schammaiten, dass es besser wäre, nicht geboren zu sein. Freilich — es erscheint dies als Konzession an die Minorität! — fügte man noch hinzu Jetzt, da er einmal geschaffen ist, befasse er sich mit seinen Handlungen"״. Dass hier die Ansicht der Schule Hillels auch die Hillels selber ist, daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen. Hillel ist von einer seltenen Lebensfreudigkeit und einem erfrischenden Lebensmut beseelt, wie uns viele Stellen beweisen. Seine Auffassung von dem Verhältnis von Körper und Seele ist eine derart optimistische, dass sie einenj Pessimismus gar nicht aufkommen lassen kann, dass für Trübsinn und Weltflucht kein Platz bleibt. Der Talmud berichtet (Sukkah 53 a), dass bei dem Freudenfest des Wassergussopfers Hillel von einer begeisterten und begeisternden Freude erfüllt war, die sich in dem Ausruf kundgab: ״Wenn ich hier bin, ist alles hier. Wenn ich nicht hier bin, wer wäre dann hier? An den Ort, an den ich gerne hingehe, führen mich von selbst meine Füsse". Wir wissen, dass die Erklärer sich um die richtige Deutung dieser Worte bemühen, ob Hillel, hier die Gottheit oder Israel sprechen lässt. Wie aber auch der Jeruschalmi nach Tosaphoth sagt, muss man annehmen, dass Hillel von sich selber spricht. Und man braucht noch nicht einmal daran zu denken, dass er in der Tatsache, dass er, der Patriarch, an den Mangel grosserer Gesichtspunkte, wie sie bei Jesus gegeben seien, ableiten will, was natürlich wieder unzutreffend ist, da solche angeblich kleinliche Diskassionen in haarscharfer Dialektik ein Prinzip feststellen wollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.