Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XII. (1918)
- Date
- 1918-01-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3486266-3486293--4930-3491300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihres Geistesfluges einbüssen mussten. Aehnlich stand es mit dem Geistesleben in Deutschland. Der Stoss, den die wissenschaftliche Tätigkeit hier erlitt, geht zwar bereits auf die Zeit der ersten Kreuzzüge zurück und die mystische, an ״Juda, den Frommen״ anknüpfende Bewegung, in der die jüdische Seele vor dem Jammer des Diesseits Zuflucht, Ablenkung und Trost suchte, war sicherlich ein Hauptgrund für die populär-moralisierende Tätigkeit in der Exegese ־, aber was brachte denn so viele auf die Mystik? Dass die Verhältnisse sich zur Zeit Innozenz’ noch düsterer wie vorher gestalteten, dass die alten Wunden nicht vernarben konnten und durch neue vermehrt wurden. Im allgemeinen bemüht man sich hier — ebenso wie in Nordfrankreich — nicht, die Bibel rationell zu erklären. Allegorie und Buchstabendeutung sind die Hauptstützen der Exegese. Der Sinn für die grosszügige, Verstandesgemässe Auflassung ist zurückgegangen, der für das Geheimnisvolle ist gewachsen. Aber von einem Aufhören des fleissigen Talmud- Studiums kann nicht die Rede sein. In den meisten Städten Deutschlands, Böhmens und Österreichs legen die Hochschulen, die schriftlichen ״Fragen und Antworten״, die die gelehrten Rabbinen gaben, von einem hohen Stand der talmudischen Gelehrsamkeit Zeugnis ab. Die ängstliche Vorsicht bei der Anwendung der Halachoth ebenso wie die grosse Verbreitung der Moralliteratur, die jener Zeit in Frankreich sowohl als auch in Deutschland besonders eignet, geht auf die Not zurück, gegen die man sich durch möglichst populäre, moralische Literatur, die mehr oder minder mystisch durchsetzt war, und durch Beschäftigung mit den Geboten wappnen wollte. Eine andere Erscheinung zeitigt das dreizehnte Jahrhundert im Geistesleben der italienischen und sizilisehen Juden. Wenn dieses Jahrhundert io Frankreich und Deutschland den wissenschädlichen Geist, die Höhe und Schärfe — freilich nicht den Ernst — des Denkens im Abnehmen begriffen zeigte, so entfalten die italienischan Juden in ihm weiter hervorragende Fähigkeiten. Sie stellen Mediziner wie Joab aas Salerno, Moses ben Salomo, Faradsch ben Salomo, sie bringen Mathematiker hervor, wie Benjamin ben Jehuda, der zugleich auch Grammatik und Exegese trieb, abgesehen von Jakob ben Abbamari Kalonimos und Nathan Hemati, die auch astronomische und astrologische Stadien trieben. Und