Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- X. 1912 - 5673 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 366)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3486266-3486285--4466-3490834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
302 zu polemisieren; denselben Prozess können wir in Posen, Lernberg und in anderen Städten beobachten, wo die Bürger ihre .Namen und ihr ganzes Leben der Anforderung ihres neuen Vaterlandes anpassten. Für die Polonisierung der Juden war es zu spät; eingeschlossen in ihre Ghetti nur durch das Commercium, aber nicht durch das Connubium mit den Polen in Berührung, mit dem Hass der Kontrareformation und ihrer spezifischen Träger, der Jesuiten und ihrer Schüler, beladen, entwickelten sie ״ihre“ Sprache weiter und gelangten auf diesem Wege zum heutigen sogenannten Jargon. Der Kodex von 1595 ist daher von erstklassiger Wichtigkeit, da er den Grenzstein für die Ausbildung dieser deutschen Mundart bildet. Die Syntaxis ist in dem Rodex ganz deutsch, Haupt- und Nebensätze gliedern sich aneinander, in Nebensätzen sehen wir den regelrechten Konjunktiv (dächte, fend’ fände, thät’, wellt wollte) und die Zahl der polnischen Wörter ist noch verschwindend klein. Sie beschränkt sich auf die Termini technici in Handel und Gericht (Siehe: Register II), häufiger — wie gesagt — sind hebräische Worte und Redewendungen, wie auch Zitate aus der Schrift und dem Talmud. Jedoch finden wir hie und da deutsche Sprichwörter und Redensarten (mit Leim und Streim), die nachher in verdorbener Weise im Jargon zu finden sind. Die Aussprache der einzelnen Worte lässt sich — wie Landau für seine ״Privatbriefe“ richtig bemerkt hat — auch aus unserem Kodex nicht feststellen. Das Hebräische besitzt keine Vokale und die an deren Stelle benützten Laute ו,י,ע ,א werden vom Schreiber so willkürlich gebraucht, dass man nicht viel daraus entnehmen kann. So z. B. schreibt er טערין terin (dürfen), wo wir aussprechen ם?גרין turen, היבם, wofür heute im Jargon Heib’m oder Hejbam gesprochen wird. Oftmals fehlen die Selbstlaute gänzlich, oder in einem zweisilbigen Worte setzt der Schreiber einen Selbstlaut ein und lässt den zweiten weg. Die Infinitivendung en schreibt er meistens זעצין, וורטין) ין), die Pluralendung ist bei ihm ין oder bei Femininen הבין ,מאנין מאן) ש (Hebamme) קעכין ,היבמש (Köchin) קעכנש); Nebensätze mit ״wie, wenn, sowie“ beginnen im Kodex mit אז. — Sämtliche schwerverständliche Vokabeln sind im Register I zusammengestellt, wie auch in den Fussnoten erläutert; dort sind auch historische Notizen gegeben.