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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1913-01-01 · X. 1912 - 5673 (1913) · page 274

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
X. 1912 - 5673 (1913)
Date
1913-01-01
Page
– (sequence 274)
Language
German
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210 linge so lange umzumodelu, bis sie eine Form annehmen, die ihnen auch in der heimischen Sprache eine Bedeutung verleiht, die eine entfernte Aehnlichkeit mit der wirklichen und ursprünglichen Bedeutung des Wortes hat. ״Volksetymologien“ nennt man derartige Bildungen, die der Sprachgenius schafft, um das Fremdwort seiner eigenen Sprache einzuverleiben. Das bekannteste Beispiel dürfte das Wort ״Mailand“ im Deutschen sein. Hervorgegangen aus dem lateinischen ״Mediolanum“ hat es in unserer Sprache eine Form erhalten, als ob es eine Zusammensetzung von ״Mai“ und ״Land“ wäre, gleichsam ein Land, in welchem, nach der Vorstellung des Nordländers, ewiger Mai herrscht. Ebenso wenn der Berliner Volksmund statt ״Xantippe“ humoristisch ״Zanktippe“ sagt. Dass es im talmudischen Schrifttum derartiger Volksetymologien eine grosse Menge gibt, kann nicht befremden. Inmitten einer fremdsprachigen Bevölkerung lebend, musste das Volk eine Fülle fremden Sprachgutes in seine Umgangssprache aufnehmen und es war nur natürlich, dass es sich bestrebte, dasselbe soweit als möglich zu aramaisieren. Der gewöhnliche Mann aus dem Volke kann sich die Bedeutung der Fremdwörter gar nicht merken, wenn es ihm nicht gelingt, sie seiner Muttersprache anzugleichen. Dadurch begreifen wir erst die sonderbaren Etymologien, die uns im Talmud zuweilen begegnen und den Kundigen frappieren. Wenn wir z. B. bei Aruch und Raschi lesen אפוודקי sei gleich פה תהא קאי oder דא תהא למיקם דית״קי (B. mezia 19 a), so haben wir keinen Grund über solche naive Etymologien zu lächeln. Den Autoren derselben ist es sicherlich nicht unbekannt gewesen, dass die entsprechenden Worte v7ro&rjxrj und dCa&rxrj griechischen Ur- Sprungs sind. Sie wollten nur eine Volksetymologie schaffen, die dem des Griechischen Unkundigen das Wortverständnis erleichtert1). *) Vgl. auch die Worte S. R. Hirschs im sechsten Bande der Gesammelten Schriften, Frankfurt a. M. 1912, S. 407. Sie enthalten die treffende Bemerkung, dass auch die volksetymologische Deutung von Nutzen sein kann, denn sie modifiziert häufig den Begriff des Wortes in einer Weise, die der Ursprung* liehen nicht kongruent ist. Anders liegt der Fall, wenn die Etymologie das Fremdwort als solches deutet und sich als wissenschaftlich gibt. Wenn Bartinoro zu Bikkurim I, 5 das Wort אפוטרופוס als־ Zusammensetzung von pater und pus erklärt, was im Lateinischen »Vater der Kleinen“ heissen soll, sp müssen wir sagen, dass er sich von einem Sprachunkundigen irreführen liess.

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