Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- X. 1912 - 5673 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 272)
- Language
- German
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208 Sünder zur Selbstbesinnung hätten bringen müssen, meint unser Haggadist, wenn er sagt: הקניה habe den Jerobeam gleichsam am Zipfel seines Gewandes gefasst und ihm zugerufen: ״ חזור בךKehre zurück!“ Denn eine deutlichere und handgreiflichere Aufforderung zur Einkehr und Rückkehr kann es doch nicht geben. R. Abba geht aber noch weiter. Er versetzt sich mit psychologischem Scharfblick in die Seele Jerobeams und gewährt uns einen Einblick in das, was in ihr nach diesem doppelt wunderbaren Ereignis vorgegangen sein muss. Wie ist es denkbar, dass ein Mensch, der so deutlich die drohende und strafende Hand Gottes mit eigenen Augen gesehen, am eigenen Leibe erfahren, den Er gleichsam beim Zipfel seines Gewandes gefasst hat, dennoch verstockt bleibt, bei seinem Frevel verharrt und nicht in sich gehen will? Wie erklärt sich dieses psychologische Rätsel? Ergibt uns den Schlüssel dazu, indem er auf den masslosen, alle Grenzen überschreitenden Ehrgeiz des Jerobeam hinweist. Auf der vorhergehenden Seite (das. 101b) sagt Rab Nachman, die גסות הרוח, der Hochmut oder der Ehrgeiz, der Jerobeam beherrschte, ward ihm zum Verderben und bereitete ihm den Untergang. ״Er sprach in seinem Herzen, wenn dieses Volk nach dem Gotteshaus zu Jerusalem hinaufziehen wird, so wird sich sein Herz dem Rechabeam, König von Juda, zu wenden u. s. w.“ (I. Könige 12,27). Es bestand nämlich eine Ueberlieferung, dass nur die Könige aus Jischais Stamme im Heiligtum einen Sitz einnehmen dürfen, er Jerobeam, hätte stehen müssen; der Vorrang des legitimen Königs wäre dadurch äusserlich in Erscheinung getreten und er hätte sich mit der zweiten Stelle begnügen müssen. Das konnte sein Ehrgeiz nicht vertragen. Er hat daraufhin den Kälberdienst eingeführt und sein Volk mit Gewalt verhindert, den Tempel zu Jerusalem zu besuchen. Dadurch wurde der Riss endgültig besiegelt und unheilbar gemacht. Das geschah am Anfang seiner Regierung. Jetzt nach Jahren, nachdem ihn ״Gott beim Zipfel seines Eieides gefasst hatte“, erwachte neuerdings derselbe Kampf in der Seele des verstockten Sünders. Er hatte neuerdings die Stimme Gottes durch den Mund des Propheten vernommen, die ihm חזור בן zugerufen und die ihn für den Fall seiner Rückkehr, womit doch die Abschaffung des Kälberdienstes und die Aner-