Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- X. 1912 - 5673 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- – (sequence 265)
- Language
- German
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201 LI. Die Mischna in Berachoth 88 b und Megilla 25 a spricht einen Tadel aus über den, der das Gebot von שלוה הקן als einen Ausfluss der göttlichen Barmherzigkeit betrachtet und diesem Gedanken im Gebet Ausdruck verleiht: .האומר על קן צפור יגיעו רחמיך משתקין אותו ״Wer da sagt, über das Vogelnest erstreckt sich deine Barmherzig« keit, den heisst man schweigen“. Im Talmud z. St. wird bereits nach dem Grund dieses Verbotes gefragt und die vielen Erörterungen darüber dürfen als bekannt vorausgesetzt werden. Vgl. Moreh Nebuchim IV, 88 und BMBN zu V. M. 22,6. Namentlich die Auseinandersetzung des Letzteren gehört zu den Perlen in diesem nicht hoch genug zu schätzenden Kommentar. Kurz zusammengefasst ist sein Gedankengang folgender: Es kommt auf die richtige Fragestellung an. Wenn wir fragen, was ist der Grund dieses Gebotes, so gelangen wir zu falschen Schlüssen; denn wir werden dann sagen, der Schöpfer fühlt Erbarmen mit der Vogelmutter, wenn sie in der Ausübung ihres Mutterberufes tätig ist, deshalb hat er uns geboten, ihr die Freiheit zu schenken. Das ist nicht der richtige Standpunkt; denn das erweckt den Anschein, als ob wir Ihm כביכול einen Dienst, einen Gefallen erwiesen, wenn wir sein Gebot beobachten. So dürfen wir aber nicht denken אס צדקת מה תתן לו. Wenn Er sich der Vogelmutter erbarmen will, bedarf Er nicht unserer Beihülfe, הרבה רוח והצלה לפניו. Wir müssen die Frage so stellen: Welchen Zweck verfolgt dieses Gebot in Bücksicht auf uns? Wenn wir dann sagen, das Gebot soll dazu dienen, um in unserer Brust edlere Gefühle wachzurufen, um uns an Barmherzigkeit zu gewöhnen — denn es wäre hartherzig und grausam, das brütende Weibchen von der Brut hinwegzunehmen — so ist das die richtige Antwort. Wer aber die Sache so wendet, als ob Gottes Erbarmen über das brütende Weibchen der Grund des Gebotes wäre, den heisst man schweigen. Auffallend bleibt jedoch immerhin, dass der scheinbare Zweck des Gebotes selbst nach dieser Ansicht der Schutz der jungen Brut sein soll! Dieser Zweck wird doch bei der Ausübung des Gebotes nicht erreicht, denn die Vogelmutter wird fortgeschickt und die Brut darf man sich aneignen? Eine andere Erklärung für dieses Gebot habe ich an einer