Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- IX. 1911 - 5672 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 580)
- Language
- German
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488 giösen Gärung, aus einem erbitterten Kampfe zweier einander feindseliger Weltanschauungen hervorgegangen, sondern das Produkt krasser materieller Bestrebungen. Ihr ziemlich beschränkter Gedankenkreis bewegte sich nicht in der Welt der Ideen, sondern in der der nüchternen Praxis. Sie waren kühl rechnende, brutal egoistische Politiker, die sich blos von Habsucht und Herrschsucht leiten Messen und, um ihre verbrecherischen Gelüste zu befriedigen, mit wahrhaft zynischem Gleichmute Tausende ihrer Volksgenossen hinschlachteten. Was hat eine derartige Gesellschaft, die sich über die elementarsten Forderungen der Menschenwürde hinwegsetzte, mit philosophischen Weltanschauungen, mit tiefgründigen Spekulationen über das oberste Prinzip oder über die ethischen Werte des Lebens zu schaffen? Dagegen kann es nicht scharf und nachdrücklich genug betont werden, dass, abgesehen von dem verhältnismässig kleinen Kreis der Tobianer, welche selbstsüchtige Zwecke verfolgten, die gesamte jüdische Bevölkerung Palästinas mit der vollen Glut ihrer Ueberzeugungskraft der althergebrachten, in Thora und jüdischer Tradition wurzelnden, echt jüdischen Lebensweise huidigte 1). Dieses unbestreitbare Faktum offenbart sich mit Evidenz ganz besonders in der markanten Tatsache, dass die Tobianer ihre Herrschaft ohne fremde Hilfe nicht einen Augenblick hätten behaupten können. Der Verlauf der fast hundert Jahre währenden Tobianerära zeigt mehrfach, dass die Tobianer nur so lange unantastbar waren, als sie sich des Wohlwollens der Oberhäupter Palästinas erfreuten, dass sie dagegen bald niedergeworfen wurden oder mindestens in sehr harte Bedrängnis gerieten, sobald es durch die poütischen Umstände gelingen konnte, ihnen die auswärtige Hilfe zu entziehen. Ausserordentlich wichtig erscheint in dieser Beziehung die sehr bemerkenswerte Tatsache, dass der Hohepriester Jason eine so unbedeutende Institution wie das Gymnasium, welches doch Antiochus Epiphanes sehr willkommen sein musste, ohne ausdrückliche Genehmigung des Königs nicht zu errichten wagte, obgleich er doch durch das Hohepriestertum, *) Wellhausens gegenteilige Behauptung ist bereits oben (S. 476) er wähnt und zurückgewiesen.