Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- IX. 1911 - 5672 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- – (sequence 547)
- Language
- German
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455 uns noch weit eindringlicher und evidenter, als es durch theoretische Beweise geschehen konnte, die Tatsache deutlich machen, dass die Tobianer sich keineswegs von religiösen, sondern offenkundig von brutal egoistischen Motiven leiten Hessen. Ebenso deutlich wird sieb hierbei die zweite, aus der ersten mit Notwendigkeit resultierende Tatsache ergeben, dass die Tobianer eine verschwindende, wenn auch sehr zähe Minderheit der palästinensi sehen Bevölkerung bildeten, da ja ihre Gelüste nur auf Kosten dieser Gesamtbevölkerung befriedigt werden mussten. An und für sich müssen die geschichtlichen Vorgänge dieser Zeit in zwei von einander scharf geschiedene Phasen eingeteilt werden. Die eine umfasst den Zeitraum von 226 bis 175, bis zu dem Augenblick, wo der Tobianer Jason das Hohepriestertum usurpiert, die zweite von 175 bis zum Fall der Akra, mit dem die Kämpfe ihren Abschluss finden. Die letztere Phase behandeln wir nicht ausführlich, sondern greifen aus ihr nur die wesentlichsten Momente heraus, welche zur Zeichnung des Charakterbildes der Tobianer besonders geeignet sind. Die erste Phase ist von den oben charakterisierten Autoren fast ganz vernachlässigt worden. Da sie die Tobianer als Bannerträger neuer religiöser Anschauungen und Ideen feierten, mussten sie den Zeitraum eines halben Jahrhunderts mit nebensächlichen Bemerkungen abtun, weil sich die Geschehnisse dieses halben Jahrhunderts religiös wenig ausbeuten Hessen. Viele bedeutungsvolle Momente, welche sie auf die richtige Spur hätten leiten müssen, scheinen sie überhaupt nicht beobachtet zu haben; die anderen, welche zu augenfällig waren, um gänzlich übersehen zu werden, hielten sie von ihrem Gesichtspunkte aus für wenig beachtenswert. Nach unserer Auffassung dagegen entrollt sich ein viel interessanteres Zeitbild vor unseren Blicken. Jeder sonst ganz harmlos scheinende Vorgang gewinnt erhöhten, gesteigerten Wert, da er deutlich das symptomatische Gepräge seiner Zeit an sich trägt, die eine Verschiebung in der innerpolit!sehen Lage aufweist. Selbst die Vorkommnisse, welche sich im engen Kreise der Tobianerpartei abspielen, verdienen grosse Beachtung. Vermögen sie auch nicht immer direkten Einfluss auf die Gesamtläge auszuüben, so beanspruchen sie trotzdem schon deswegen