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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1912-01-01 · IX. 1911 - 5672 (1912) · page 539

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
IX. 1911 - 5672 (1912)
Date
1912-01-01
Page
– (sequence 539)
Language
German
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44 7 pfähl, fand in der entarteten, griechisch-mazedonischen Welt and besonders in den höheren Kreisen Alexandriens am meisten Anklang. Sie wurde hier als eine Aufforderung an den Menschen ausgelegt, sich der Sinnenlust rückhaltlos hinzugeben. Yon Alexandrien drang ihr verderblicher Einfluss auch nach Jerusalem. Man fing auch hier an zu grübeln und sich über die Lehre des Judentums hinwegzusetzen“. Die paar Sätze bei Ben Sirach (3,20f.), auf welche sich Grätz bei seiner folgenschweren Anklage gegen die ernsten Männer Israels und somit gegen das ganze Volk stützt, lauten folgendermassen: ״Trachte nicht nach Dingen, die dir zu schwer sind, und forsche nicht nach dem, was über deine Kräfte geht. Was dir aufgetragen ist, danach richte deinen Sinn, denn es frommt dir nicht, das Verborgene zu erspähen“. Es ist nicht recht verständlich, wie man zwei negativ gehaltene Sätze in einem Spruchbuche als Gradmesser für die Handlungen einer ganzen Nation nehmen will. Wenn auch die griechischen Philosophen den Juden keinen neuen Gesichtskreis von Ideen eröffnet oder sie gar in ihrem religiösen Denken beeinflusst haben, so waren ihnen doch zweifelsohne diese Anschauungen bekannt. Palästina lag ja nicht in einem unsichtbaren, weltentrückten Winkel der Erde. Was alle Welt wusste, konnte auch den Juden Palästinas nicht verborgen bleiben. Welche Konsequenzen lassen sich nun daraus für die gesamte Nation ziehen, wenn Sirach, der diese Lehren ebenfalls gekannt haben muss und der über fast alle möglichen Fälle des Lebens seine Ermahnungen, Warnungen und Belehrungen ausspricht, in einem Buche von einundfünfzig Kapiteln auch zwei Sätze einflicht, in denen er seine abfällige Meinnng über fruchtlose Spekulationen äussert? Dringen wir übrigens etwas tiefer in die schriftstellerische waren gewiss mehr als berechtigt; dass aber dieser allzuverständliche Kampf eines HeUerblickenden gegen heidnischen Unfug und Aberglauben die ernsten Männer unter den Juden angeregt haben sollte, an ihrem eigenen, hehren Glauben zu rütteln, wird kein ernstgesinnter Mensch für wahr halten wollen. Der Kampf gegen den Unsinn steigert im Gegenteil die Würdigung und Anerkennung der Wahrheit, da er die unabsehbare Distanz zwischen beiden ins helle Licht rückt und das Verständnis für das Wahre und Hohe schärft.

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