Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 535)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3486266-3486281--3469-3489835- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
417 genug. Doch Naumann hat einmal Max Liebermann mit Spinoza verglichen und sehr fein gesagt: ״Er male mit dem Gehirn‘‘. Hat Liebermann wohl neben seiner hervorragenden geistigen Bedeutung, welche Naumann betonen will, die sonstigen Eigen• schäften, die den bedeutenden Maler machen, nicht? Darf jemand gerade von Max Liebermann behaupten, ihm mangele ״Anschaulichkeit“ und ״aufnehmende schöpferische Sinneskraft“, ohne in Gefahr zu kommen, lächerlich zu werden? Und wie stehts mit Joseph Israels, dem hervorragendsten zeitgenössischen Maler der Heimat Spinozas? ״Der Jude ist seinem innersten Wesen nach aller Bitterlichkeit, aller Sentimentalität, aller Chevallerie, allem Feudalismus, allem Patriarchalismus abgeneigt,“ In Berlin W. muss es ganz eigenartige Juden geben, anders hätte dieser Satz nicht niedergeschrieben werden können. Der Jude, der sich willig der Leitung des Familienoberhaupts anvertraut, für den im weiteren Kreise, in der Gemeinde, der hervorragende Babbi Ratgeber und Führer in der ganzen Lebensführung war und heute noch vielfach ist, dem Patriarchalismus abgeneigt? Wer kann es wagen, uns persönliche ningabe, Bitterlichkeit, Sentimentalität abzusprechen? Fürchtet nicht Sombart, tagtäglich aus dem lebendigen Leben heraus auf das Unberechtigte und Unwahre seines tadelnden Urteils aufmerksam gemacht zu werden? Das geschichtlich Gegebene wird prinzipiell von dem Calcul ausgeschlossen. Weil der Yerfassungsstaat. den Juden die Freiheit brachte, darum schon müssen sie ihm zugeneigt sein. Sombart findet für diese Zuneigung nur in der ״abstrakten“ Denkweise der Juden eine Erklärung. Aus der geistigen Eigenart der Juden, wie sie der Verfasser sich ausmalt, wird dann mit allerlei Kunststückchen die ״Zweckbedachtheit“, der ״Teleologismus* der Juden gefolgert. Dass der Jude zweckbedacht ist und auf ״Tachlis“ achtet, wird gern zugegeben werden. Doch es schwindelt uns, wenn als Beispiele für die Zweckbedachtheit auf ״Chassidim“ gewiesen wird, die sich ״dem Studium der heiligen Bücher hingeben“ und ihre Familien hungern lassen, ״weil es doch keinen Zweck hat“, für das tägliche Brot zu sorgen. Mehr noch, wenn von der ״mildverklärenden Weise“, vom ״wehmütig weichen Zug“, von der Sentimentalität im guten Sinn, die den Werken Georg Hirschfelds, Arthur Schnitzlers, Georg Hermans