Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1911-01-01 · VIII. 1910 - 5671 (1911) · page 529

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
VIII. 1910 - 5671 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 529)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3486266-3486281--3463-3489829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

411 gesprochen wird, so wird auch das ihm keine Befriedigung gewähren, denn auf die Erwähnung dieses Gebots folgt sofort, dass es die Weisen verboten haben, im Leihgeschäft Zinsen vom Götzendiener zu nehmen, was nur dann erlaubt sei, wenn keine andere Erwerbsmöglichkeit zur Lebensfristung vorhanden sei. Das andere, was ich Sombart sehr verüble, ist nicht so sehr die Wiedergabe der falschen, zum mindesten masslos übertriebenen und verallgemeinernden Schilderung der Masse der polnischen Juden vor dem Kosakenaufstand, zu der sich Grätz im 10. Bande seiner Geschichte durch das Bestreben, Pragmatismus um jeden Preis herzustellen, verleiten lässt, als besonders seine neben das schwarz in schwarz gezeichnete Kulturbild gestellte Bemerkung: ״da sie für manchen Zug der Aschkenaze die Erklärung enthalten“. Weiter, Grätz erlaubt sich seinem Nachtbild folgenden Satz anzuschliessen: ״Die Verdorbenheit der polnischen Juden rächte sich an ihnen auf eine blutige Weise und hatte zur Folge, dass die übrige Judenheit in Europa von dem polnischen Wesen eine Zeit lang angesteckt wurde“. Man sollte glauben, das könnte bezüglich der Verdächtigung der europäischen Juden der damaligen Zeit genügen. Doch Sombart ist damit nicht zufrieden. Grätz sagt einige Seiten weiter, wo er erzählt, dass die polnischen Flüchtlinge wegen ihrer Bedeutung in den talmudischen Wissenschaften bald die hervorragendsten Jtabbinatsposten eingenommen hatten: ״Durch die Abwanderung der Juden aus Polen (infolge der kosakischen Judenverfolgungen) wurde das Judentum gleichsam polonisiert“. Sombart reiht unvermittelt diesen Satz an das oben mitgeteilte Zitat an und erweckt so den Schein, als ob Grätz das da von ihm mit unverzeihlicher Uebertreibung vom Kulturtiefstand der polnischen Masse Gesagte in gleichem Masse auf die europäische Judenheit von da an und weiter bezogen wissen wollte, während er nur meint, dass die anderen Juden Europas ״eine zeitlang davon angesteckt wurden“. Dass das Judentum ״gleichsam polonisiert wurde“, gilt ihm nur in literarischer Beziehung; und das war in Wirklichkeit eine hocherfreuliche Erscheinung. Sombart erzielt durch sein Aneinanderreihen zweier getrennt stehender Zitate aus Grätz eine Verdächtigung der gesamten europäischen Judenheit. Das genügt wohl.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.