Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 516)
- Language
- German
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398 sterium, ist auf Rationalismus oder Intellektualismus aufgebaut; weil nun der Kapitalismus rein vernunftgemäss arbeitet und auch das Judentum vernunftgemäss ist, so ist das Judentum dem Kapitaiismus verwandt. Dieser Schluss ist zwar ähnlich lächerlich, wie der eines Keilschriftforschers, nach welchem eine biblische Erzählung deshalb Beziehungen zu einer babylonischen haben soll, weil hier wie dort jemand — stirbt. Hamans Verleumdung der Juden bei Achaschwerosch halten einige Bibelerklärer deshalb für besonders giftig, weil er Falsches auf Wahres folgen lässt. Sombart geht ähnlich vor, wenn ihm auch der Dolus der Verleumdung oder selbst Entstellung fehlen wird. Das Judentum soll halt mit dem Kapitalismus Verwandtschaft haben, und lässt sich’s nicht biegen, so hat man, ehe man sich dessen bewusst ist, schon etwas gebrochen. Wie das Buch in seiner Gesamtheit in zwei Teile zerfällt, von denen der erste im grossen und ganzen Richtiges vorbringt, während der zweite Teil durchaus verfehlt ist, so finden sich darin zahlreiche Einzelsätze, die vorn hell, hinten dunkel, am Anfang gut, am Ende schlimm sind. ״Rationalismus oder Intellektualismus: Wesensrichtungen, die gleicherweise dem irrational Geheimnisvollen, wie dem Sinnlich-Künstlerisch-Scböpferischen entgegengesetzt sind“. Die erste Hälfte des Satzes soll nicht bestritten werden. Die Vernunft weist das irrational Geheimnisvolle zurück. Wer aber glaubt dem Verfasser, dass der intelligente und vernünftige Mensch für die Sinnenwelt und die Kunst nichts übrig habe? Und von diesem falschen Schluss geht Sombart aus, um die Grundlinien der jüdischen Religion zu ziehen, ״sie erscheint uns in allen ihren Gründen ganz und gar als ein Verstandeswerk; als ein in die organische Welt hinausprojiziertes Gedanken- und Zweckgebilde: mechanisch-kunstvoll gestaltet, darauf berechnet: alle natürliche Welt zu zerstören und sich zu unterwerfen und an ihre Stelle ihr eigenes Walten zu setzen, wie es der Kapitalismus tut . . . Sehr ergötzlich ist es, sich vom Verfasser darüber belehren zu lassen, wie denn die jüdische Religion zu dieser Starrheit und Feindseligkeit gegen alles Natürliche gekommen. Sie soll nämlich die Spuren ihrer Schöpfung durch Esra an sich tragen. Wie genugsam bekannt, machen Wellhausen und andere radikale Bibelkritiker, denen daran liegt, das Alter des Judentums möglichst herab-