Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 513)
- Language
- German
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395 dass man dem Schöpfer aus Liebe und nicht aus Furcht dienen solle, kennt er nicht oder will sie nicht kennen. Er ist so geschickt in der Umwertung der Werte, dass seine Schilderung der vielbewunderten jüdischen Treue zur väterlichen Religion eher in einen Vorwurf, denn in ein Lob ausklingt. Für die Schilderung der Frömmigkeit derer, die auf der Höhe des Lebens treueste Jaden geblieben sind, wie Amschel und Wilhelm Rothschild, sucht er sich einzelne Anekdoten aus, die geeignet scheinen diese herrlichen Männer dem Spott zu überliefern. Von Rabbi Amschel Rothschild erzählt er nach, dass dieser sich ״am langen Tage“ so sehr durch andächtiges und lebhaftes Beten gepeinigt habe, dass man ihn mit narkotischen Pflanzen aus seinem Garten von Zeit zu Zeit aus einer Ohnmacht erwecken musste. Der Augenzeuge, dem Sombart nacherzählt, nennt dieses, an die römischen Satyriker erinnerend, die Sabbatfeier des Barons. Man kann von einem Augenzeugen dieser Art keine Kenntnis des Umstandes erwarten, dass der Baron ״am langen Tageu fastete und dass die Entbehrung von Speise und Trank eher die Ursache einer etwaigen Schwäche war, als die Anstrengung des andächtigen Betens; auch das ist ihm natürlich unbekannt, dass sogar bei Leuten, die keine narkotischen Pflanzen in ihrem Garten haben, es sehr verbreitet ist, sich beim Fasten an wohlriechenden Dingen zu erquicken, und dass viele dieses weniger der Labung halber tun — und zu diesen gehörte wohl R. Amschel — als um Gelegenheit zu einer Beracha zu haben. Von dem noch vor unseren Augen in verklärter Gestalt stehenden, unvergesslichen Baron Wilhelm erwähnt er, dass er sich aus religiösen Gründen vom Diener die Türklinke abwischen liess, und dass er nur Papiergeld in die Hand nahm, das eben erst die Druckpresse verlassen hatte. Beiläufig gesagt, ist mir letztere Gewohnheit des Barons ein schönes Bild seiner Geschäfts- Prinzipien, für die das ״non ölet“ des Vespasian nicht existierte. Ein anderer hätte wohl für die Frömmigkeit des Baron Wilhelm Karl manchen ähnlichen Zug gefunden, wie den, dass man Jahre hindurch die Equipage des Barons an werktäglichen Nachmittagen vor der schlichten Wohnung seines verehrten Talmudlehrers halten sah, wo derselbe Mann, von dem uns in unserem Buche erzählt wird, dass er sich vor dem Berühren einer Türklinke und vor altera Papiergeld scheute, in der dumpfen Stube seines kranken