Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 453)
- Language
- German
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335 *einmal von R. Scherira die Heilmethoden erklären lassen wollte, welche im 7• Abschnitt des talmndischen Tractats Gittin angegeben sind, erwiderte er: ״Wir müssen euch sagen, dass die Weisen keine Aerzte waren, sie haben blos allgemein vorge« schlagen, was sie aus Erfahrung für gut gefunden haben. Ihre Ratschläge auf diesem Gebiete sind keineswegs Gebote. Ihr dürft daher auf die Heilmittel, welche im Talmud angeführt werden, euch nicht verlassen. Es darf nur der sie anwenden, der sie durch erfahrene Aerzte hat prüfen und bestätigen lassen und zumindest die Zusicherung hat, dass sie nicht schaden können» So lehren uns auch unsere Vorfahren, dass man nur jene Heilmittel verwenden darf, von denen man überzeugt ist, dass sie keine schädliehe Wirkung haben“ 1). Wenn wir auch in fast allen Responsen die Tiefe und Schärfe der Logik R.Scheriras zu bewundern Gelegenheit haben, so liegt die Grösse dieses Geisteshelden ganz besonders auf der Wertschätzung, die er von der durch den Umgang mit grossen Lehrern gewonnenen Erfahrung hat. Ja, dieser Wertschätzung, die er zu Beginn und am Schluss vieler Responsen zum Ausdruck bringt, ist auch zum grossen Teile die Tiefe der Denkweise R. Scheriras zu verdanken. Er hat sich durch den Umgang mit seinen Lehrern Praxis und Erfahrung verschafft und dadurch eigentlich den Grund für die hervorragende Befähigung zu richtiger halachischer Entscheidung gelegt. Denn die richtige Schulung des Denkens bekommen die Weisen nur durch Umgang mit ihren Lehrern (שמוש חכמים). Sie sehen die verschiedenen Nuancen ihres Verhaltens in wichtigen halachischen Dingen und wissen dann selbst eine an sie herantretende Frage richtig zu erfassen und zu behandeln. Nur durch solchen Verkehr wird der Verstand so gestählt und das Wissen so gereift, dass man sich von Oberflächlichkeit fernhält und sich gewöhnt, richtig zu folgern und entschieden zu urteilen. Diesen wichtigen Umstand hat auch der grosse Hillel in seiner unvergleichlichen Sanftmut den Gelehrten seinerzeit vorgehalten, indem er sagte: ״Wer hat es denn verursacht, dass ich aus Babylonien komme, um euer Nassi zu sein? — Doch nur ihr selbst durch 1) Tachkemoni, Jahrbuch, ed* B. Lewin, Bern 1910, S. 41.