Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 447)
- Language
- German
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329 4uch ausserhalb des Landes von grossem Erfolg gekrönt. Es entwickelte sich eine geistige Strömung und es begann wissenschaftliche Forschung sowie kritische Auslegung auf allen Gebieten• sich Bahn zu brechen. Denn die derzeitige Generation unterschied sich wesentlich von der früheren in Bezug auf geistige Fragen und wissenschaftliche Entwickelung. Die Juden hatten begonnen — hauptsächlich seitdem Bagdad die Besidenz des Kalifen geworden war und die einzelnen Wissenschaften zu besonderer Blüte gelangten —, ihren Geist nach verschiedenen Seiten zu befruchten. Man begann dementsprechend in den Lehrhäusern die Aussprüche unserer Weisen mit anderen Augen zu betrachten und viele ihrer Ansichten wissenschaftlich und kritisch zu beleuchten, Erörterungen, an die man früher gar nicht gedacht hatte. Anch hat in jener Zeit der Kampf zwischen den Rabbinen und Karäern noch immer nicht aufgehört. Es herrschte noch immer grosse Erregung und es bestanden Meinungsverschiedenheiten, welche trotz der erfolgreichen Bekämpfungen •durch R, Saadja Gaon nicht gänzlich beigelegt wurden, zumal da die früheren Diskussionen mit den Karäern sich manchmal eher -durch Schärfe als durch Klarheit auszeichneten, weil von beiden Seiten infolge der heftigen Erregung nicht genügend auf Klarheit und Folgerichtigkeit der Auseinandersetzungen gehalten wurde. Daher tauchten abermals mehrere jener Fragen der Karäer selbst unter den rabbinischen Gelehrten auf. Alle denkenden Männer, alle, die kritischen Geist und originellen Sinn hatten, richteten nun ihr Augenmerk auf Pumbadita, welches damals die einzig hervorragende Hochburg der jüdischen Wissenschaft war. Es trafen jetzt dort in grossen Mengen Anfragen, nicht nur über streng halachische, sondern auch über aggadische und sprachliche, historische und religionsphilosophische Zweifel ein. Ja, alles, was das Volk in der veränderten Zeit bewegte, das brachte es vor das Forum seiner Akademie und erbat sich Belehrung und Aufklärung. Es war daher natürlich, dass das Arbeitsgebiet der Hochschule ein weites und vielseitiges wurde. Man behandelte halaehische Forschung, sowie die Geschichte ihrer Entwickelung, man zog aus den einzelnen talmudischen Abhandlungen und den oft divergierenden Meinungen der Gelehrten die religiöse Norm; man beschäftigte sich mit den Bräuchen und ihren Verschiedenheiten