Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 434)
- Language
- German
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316 nicht genug zu tun vermögen. Hingegen wird der Weise gewissenhaft sein in der Erfüllung der einmal ausgesprochenen Gelübde (IV, 17—V, 4). Weisheit bewahrt uns auch vor Ueberhebung: ״Wenn der Geist der Herrschsucht Dich übermannen will, so verlasse Deinen Platz nicht; Gelassenheit lässt grosse Sünden ruhen“ (X, 4). Koheleth ermahnt zur Tatkraft, zu mutigem, tapferem Verhalten. Allzu grosse Aengstlichkeit lässt den rechten Zeitpunkt versäumen: ״Wer auf den Wind schaut, wird nicht säen; wer auf die Wolken blickt, wird nicht ernten“ (XI, 4). ״Durch Faulheit senkt sich das Gebälk, durch Schlaffheit der Hände trieft das Haus“ (X, 18). ״Der Tor verschränkt die Hände und zehrt sein eigenes Fleisch auf“ (IV, 5). Zur Wohltätigkeit regt Koheleth ganz besonders an, schon aus Nützlichkeitsgründen angesichts der Unbeständigkeit des Glücks: ״Wirf Dein Brot auf die Oberfläche des Wassers; denn in der Menge der Tage wirst Du es wieder finden. Gib einen Teil sieben und auch acht Male; denn Du weisst nicht, welches Unglück auf Erden herrschen wird“ (XI, 1—2). Das ganze Buch klingt aus in die Aufforderung zu nützlichem Tun, zu gottgefälligem Genuss, zu beständiger Aufmerksamkeit im Dienste Gottes, so lange man dazu die Kraft besitzt, ehe die Tage des Greisenalters kommen, das in scharfsinniger und ergreifender Allegorie zur Darstellung, gelangt, und ehe der Tod eintritt, der den Körper zur Erde, die Seele zu Gott zurückruft (XII). Mit dem Hinweis auf das göttliche Gericht und die schon erwähnte Mahnung, in Gottesfurcht und Gehorsam gegen Gottes Gebote des Menschen Bestimmung zu erblicken, schliesst das merkwürdige Buch. Wir haben eingangs unserer Betrachtung schon erwähnt, dass vielfach das Buch Koheleth als die Philosophie des Pessimismus in Anspruch genommen wird. Dass das mit Unrecht geschieht, haben wir nachzuweisen versucht. Wenn neuerdings Koheleth als das Buch des Optimismus xav igoxrjv bezeichnet wurde, so kann das ebenso wenig als ohne weiteres richtig erkannt werden.