Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 426)
- Language
- German
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308 machen« Wenn aber Koheleth des Menschen Bestimmung in Gottes״ furcht und in Gehorsam gegen Gottes Gebote findet, so charakterisiert sich dieser Satz als eine Blüte des später besiegten Zweifels. Dasselbe lehrt uns ja auch die wiederholte Mahnung, dass es für den Menschen nichts Gutes gebe, als die Freude an seinen Handlungen. Eine solche Freude aber wäre ausgeschlossen, wenn die Handlungen des Menschen ein Produkt des Zwanges wären, nur auf instinktiven Trieben, nicht auf Vernunft und Freiheit beruhten. Der zweite Satz, der von jeher den Erklärern grosse Schwierigkeit verursachen musste, wäre, wenn er nicht auf das religiöse Verhalten bezogen zu werden brauchte, vollständig harmlos und gerechtfertigt. Es ist dies der Satz von der Empfehlung der goldenen Mittelstrasse: ״Es ist gut, dass Du das eine ergreifst, aber auch nicht voin anderen Deine Hand fahren lässt; denn der Gottesfürchtige wird allen gerecht“ (VH, 8). Allein unmittelbar vorher stehen folgende Sätze: ״Sei nicht zu gerecht und sei nicht allzu weise! Warum willst Du Dich selbst vernichten? Sei auch nicht zu frevelhaft und sei kein Tor! Warum willst Du sterben nicht zu Deiner Zeit?“ (VH, 6—7). Zumal die christlichen Erklärer operieren hier mit dem Schlagwort von der angeblich gerügten äusseren Werkheiligkeit, von pharisäischer Askese und wollen hier Koheleth eine Mahnung aussprechen lassen, dass die Frömmigkeit nicht den Lebensgenuss zerstören oder auch nur stören solle, wobei sie ohne weiteres dem Genuss den Charakter des Frevelhaften beilegen. Wir halten diese Erklärung für falsch; denn diese Anschauung ist nicht jüdisch. Wir glauben, dass Koheleth diesen Satz gesprochen hat zu einer Zeit, in der die Beobachtungen des Lebens ihn so mächtig bedrückten, dass er wieder einmal der Skepsis seiner Vernunft das Uebergewicht über seinen Glauben zugestand, ohne dass er tatsächlich den Mut fand, den Glauben ganz fahren zu lassen. In einer solchen Stimmung des Zwiespalts seiner Seele, ist dieses realistische und opportunistische Wort, so merkwürdig es auch klingt, verständlich. Am Ende seiner Erwägungen, da der Glaube über die Skepsis der Vernunft gesiegt hat, ist freilich für solche Anschauung und Mahnung kein Platz mehr. Hier klingt