Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 425)
- Language
- German
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307 'er mit dem Fingerzeig drohender Geberde den das Kecht vergewaltigenden Richtern entgegensehleudert: ״Ich habe gesehen unterhalb des Himmels den Ort des Rechts und sieh, da herrscht die Bosheit, den Ort der Gerechtigkeit und sieh, da herrscht der Frevel; da sagte ich mir in meinem Herzen: den Gerechten und Frevler richtet Gott; denn einen Termin gibt es für jede Sache, und wegen jeder Sache gilt es dort“ (III, 16—17). Dieses ״dort“ wäre auch dann deutlich genug, wenn auch nicht das die Unsterblichkeit und das Fortleben der Seele verkündende Wort am Schlüsse des Buches stände,, das Wort: ״Und ■es kehrt zurück der Staub zur Erde, so wie er war, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“ (XII, 7). Hier ist also auch der Zweifel unseres Weisen behoben, ״ob der Geist des Menschen nach oben steigt, der Geist des Tieres aber nach unten“. Nur auf dem Boden einer solchen Ueberzeugung, die das Diesseits mit dem Jenseits verknüpft und die beklagten Nichtigkeiten des Lebens durch den Glauben an ein göttliches Gericht in sich zerfliessen lässt, wie der Nebelflor vor der aufgehenden Sonne zerfliesst, hat die in der Form einer eindringlichen Mahnung von Koheleth ausgesprochene Bestimmung des Menschen einen Sinn: ״Der Schlusssatz, aus dem alles gehört wird, ist: ״Fürchte Gott, beobachte seine Gebote! Denn das ist der ganze Mensch“ (XII, 13). Hat aber der Mensch eine Bestimmung, so hat das Leben einen Inhalt und jedem Pessimismus ist der Boden entzogen. Dieser Schlusssatz ist für uns auch noch in anderer Beziehung interessant und wichtig. Er räumt mit zwei weiteren Worten Koheleths auf, die er in der Stimmung seiner Unzufriedenheit und Zweifel gesprochen hat und die teils bedenklich, teils merkwürdig genug lauten. So heisst es (IX, 1): ״Alles dies habe ich mir zu Herzen genommen, um alles dieses auszuforschen, dass nämlich die Gerechten und Weisen und ihre Diener in der Hand Gottes stehen; auch Liebe und Feindschaft kennt der Mensch nicht; alles liegt vor ihnen“. Dieser Satz lautet bedenklich nach Determination, d. h. nach einer Gebundenheit des Willens und würde, da er den Menschen jeder Verantwortlichkeit überhebt, jede wahre Religion unmöglich