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Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1911-01-01 · VIII. 1910 - 5671 (1911) · page 422

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Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
VIII. 1910 - 5671 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 422)
Language
German
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304 Die meisten Qualen bereitet der Seele unseres Weisen die Beobachtung des krassen Widerspruchs zwischen Tugend und Glück, von dem das Leben voll ist. Einige Sätze mögen uns darüber belehren: ״Es gibt eine Nichtigkeit, die da geschieht auf Erden, dass es nämlich Gerechte gibt, denen etwas zukommt entsprechend den Handlungen der Frevler, und dass es Frevler gibt, denen etwas zukommt entsprechend den Handlungen der Gerechten; da sage ich: ״Auch das ist eine Nichtigkeit“ (VIII, 14). ״Alles habe ich gesehen in den Tagen meiner Eitelkeit, es gibt Gerechte, die bei ihrer Gerechtigkeit zu Grunde gehen, und es gibt Frevler, die lange leben bei ihrer Bosheit“ (VII, 15). Oder er sagt an anderer Stelle: ״Alles kann allen begegnen; ein Geschick hat der Gerechte und der Frevler, der Gute und der Reine und der Unreine, der Opfernde, wie der, der das Opfer meidet; der Gute, wie der Sünder, der Schwörende, wie der, der den Schwur scheut“ (IX, 2). ״Wiederholt habe ich gesehen unter der Sonne, dass nicht den Raschen der Lauf gehört und nicht den Starken der Krieg und nicht den Weisen das Brot und nicht den Vernünftigen der Reichtum und auch nicht den Wissenden Gunst zuteil wird; wahrlich ein Termin und Geschick trifft sie alle“ (IX, 11). ״Die Torheit ist auf ragende Höhen gesetzt; die Reichen müssen in der Niederung bleiben. Ich sah Sklaven auf Pferden, Fürsten den Sklaven gleich auf der Erde einhergehen“ (X, 6, 7). Also ein greller Gegensatz zwischen Bewährung und Belohnung drängt sich dem Beobachter im Leben auf, erfüllt mit Wehmut und Schmerz, mit Trübsinn und Verzweiflung. Aus all den geschilderten Quellen entspringt dieselbe düstere Stimmung. Welt, Leben, Mensch und Gericht sind alle reich an Ausstellungen, geeignet, den Menschen das Leben zu verleiden. Tritt dieser Fall bei Koheleth fauch wirklich und dauernd ein? Zieht Kohelet aus der Erkenntnis des angeblich mangelhaften Charakters des Lebens die letzte Konsequenz des philosophischen Pessimismus, die darin besteht, dass wir das Leben grundsätzlich ohne jede Einschränkung dauernd hassen, den Willen zum Leben verneinen und unterbinden, die Welt für bankerott erklären und derselben je eher, je lieber entrinnen

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