Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 421)
- Language
- German
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303 schlimm daran, schlimmer als eine Fehlgeburt, die nie das Licht der Sonne erblickt hat (VI, 1—6)1). Koheleth nennt das ein heilloses Uebel, während er das Gegenteil, den Genuss der von Gott gewährten Güter, als den einzigen Gewinn für alle Mühe auf Erden, eine Gabe Gottes nennt (V, 17—19). Nicht minder schlimm ist unersättliche Begierde nach Geld und Gut. Wer die Menge liebt, hat nie eine wahre Ernte, deren er froh wird; dem Unersättlichen fehlt der Schlaf. Auch geht solcher Reichtum meist verloren, weil er eben des sichersten Momentes seiner Erhaltung entbehrt, das in der verständigen Verwendung gelegen ist. Nackt, wie er gekommen, geht ein solcher Mensch wieder aus der Welt hinaus; selbst die Kinder solcher Menschen leiden Mangel (V, 9—16). Die häufige Wiederkehr solcher Zerrbilder im Leben ist nicht erfreulich; sie lässt an dem gesunden Sinn der Menschen zweifeln und darum verzweifeln. Auch das politische Leben gibt Koheleth Anlass zu bitterer Klage. Hier herrscht Erpressung, Raub des Rechts und der Gerechtigkeit, Vergewaltigung des Armen. Das ist aber auch gar nicht verwunderlich, da ein solch grosser Stab einander übergeordneter Beamten vorhanden ist, von denen jeder seine egoistischen Gelüste verfolgt. Trotzdem ist unser Weiser der Ansicht, dass das Königstum noch die nützlichste Regierungsform eines Landes ist (V, 7—9). Freilich darf der König weder ein alter Tor sein (IV, 13) noch ein unvernünftiger Jüngling. Ein edler, freigeborener Mann muss er sein, so dass weder er, noch seine Fürsten im Trinken ihren Lebenszweck sehen, sondern in energischer, tapferer Tätigkeit (X, 16, 17). Wie wandelbar übrigens auch die Volksgunst gegenüber einem König ist, das weiss Koheleth aus selbst erlebten Fällen zu erzählen. (IV, 13—16). *) Die Worte וגם קמרה לא היתד. לו sind, wenn auch gegen den massore״ tischen Akzent, herunterzuziehen zu נפל und konzessiv zu fassen: ״Und wenn ihr auch kein Begräbnis zuteil wurde, sage ich doch, besser als er ist die Fehlgeburt daran“. Das doppelte Manko des Genusses und der Beerdigung würde sicher dem Satz jede Beweiskraft nehmen, während er in der vorgeschlagenen Fassung überaus beweiskräftig ist.