Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 419)
- Language
- German
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301 Ja dieser Zweifel verdüstert sich an einer anderen Stelle zu dem dunkelsten Satz der Verzweiflung, zur Leugnung eines Lebens nach dem Tode. Heisst es doch (IX, 10): ״Alles, was Deine Hand vermag zu tun, das tue in Deiner Kraft; denn es gibt kein Tun und keine Berechnung, keine Erkenntnis und keine Weisheit in der Gruft, zu der Du hingelangst“. Bei der dergestalt ungewissen Zukunft gibt es nichts Gutes ausser der Freude an seinen Handlungen. Das ist der immer wiederkehrende Refrain (HI, 22). Nicht nur die Betrachtung der Welt und des Lebens ist Koheleth eine Quelle des Unmuts und Verdrusses, einer pessimistisch verzweifelten Stimmung, sondern auch das Verhalten der Menschen. Ebenso wie er überzeugt ist, dass Gott die Welt schön geschaffen hat, so ist er auch überzeugt, dass Gott den Menschen gerade, schlicht und einfach gebildet hat. Das Bild vom Menschen, das die Erfahrung uns darbietet, ist aber ein wesentlich anderes. ״Die Menschen streben viele Klügeleien an“, d. h. die Menschen haben durch eine falsche Kultur, durch Diplomatie und Politik, durch Unaufrichtigkeit und Gefallen an scheinhaftem Wesen ihre Natur entstellt. Wenn das schon vom Menschen im allgemeinen gilt, so gilt es ganz besonders vom weiblichen Geschlecht, das noch mehr solcher Künsteleien erstrebt und anwendet, so dass Koheleth das vielfach falsch verstandene und nur so richtig begriffene Wort spricht: ״Sieh zu, spricht Koheleth, das habe ich gefunden, eines zum andern, um eine Berechnung herauszufinden: Das noch suchte meine Seele, ohne es zu finden : ״Einen Menschen (אדם) aus 1000 habe ich gefunden (es heisst nicht איש einen Mann), aber eine Frau habe ich bei all diesen nicht gefunden“. Ein Verdikt ist das ganz gewiss, aber ein Verdikt gegen Mann und Frau, keineswegs aber ein Zeichen einer geringwertigen Beurteilung des Weibes als solchen, sondern nur eine Verurteilung der allgemeinen, den wahren Menschen-Charakter vernichtenden Scheinkultur, der beliebten ״Klügeleien“, die den Mann ebenso ergriffen haben, wie die Frau, diese aber noch viel mehr; denn wenn Koheleth schon unter 1000 einen Menschencharakter in seiner ungekünstelsen Natürlichkeit noch gefunden hat, dann war es allerdings, wie er sagt, keine Frau (V, 25—29).