Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft · 1911-01-01 · VIII. 1910 - 5671 (1911) · page 415

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
Volume
VIII. 1910 - 5671 (1911)
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 415)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3486266-3486281--3349-3489715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

297 gar nicht weiter auffällig. Der Weg von der Ungewissheit des Zweifels zur endgiltigen Klarheit stellt fast niemals eine gerade Linie dar. In der Regel ist der Weg eine Zickzack - Linie, die Temperatur ־ Kurve des Fieberkranken, die sich öfters der Normallinie nähert, sie aber sofort wieder verlässt, um sich von neuem in der Unbestimmtheit zu verlieren, bis schliesslich die endgiltige geradlinige Fortbewegung die vollständige Gesundung anzeigt. Immerhin lassen sich 2 grundlegende Teile nicht verkennen; es ist dies ein theoretischer und ein praktischer Teil1). Fast könnte man diese beiden Teile auch den Teil der Klage und den Teil der Ratschläge nennen. Aber auch diese Teile sind nicht durchaus streng getrennt. Mit der unerbittlich herben und traurigen Verurteilung des Lebens, die in die Worte gekleidet ist: ״Eitelkeit der Eitelkeiten, sagt Koheleth, Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel! Was hat der Mensch für einen Gewinn bei aller seiner Muhe, mit der er sich abmüht unter der Sonne?“ setzt Koheleth ein. In der Welt beobachten wir, so fährt Koheleth fort, einen bis zur Ermüdung einförmigen Wechsel der Geschlechter ohne jedes Ziel, einen ununterbrochenen, eintönigen Kreislauf der Himmeiskörper, der Winde, der Flüsse, ein beständiges Einerlei in den sich abspielenden Ereignissen ohne jede neue Erscheinung; endlich ein vollständiges Untertaüchen und Vergessen werden der Geschlechter als trostloses Schicksal der Menschen. Diese Beobachtung führt zur Ermüdung und Ermattung, zum Verdruss und zur Verzweiflung (I, 1 — 11). Um diesem ermüdenden Einerlei auszuweichen, um einen erfreuenden, befriedigenden Lebensinhalt und Lebenszweck zu gewinnen, versucht es Koheleth mit den verschiedensten Lebensgütern; er will erproben, ob sie den Menschen beglücken können. Die Frage nach dem höchsten Gut, der Hauptinhalt der ethischen Systeme aller Zeiten, findet hier ihre Behandlung und •die einzelnen Systeme der Ethik, die sich ja nur grundsätzlich in der Setzung des höchsten Gutes unterscheiden, ihre unerbittliche Kritik. 2) Diese beiden Teile sind vorhanden und können anerkannt werden auch ohne den für uns gar nicht diskutierbaren hyperkritischen Ver- :such Bickells in seinem: ״Der Prediger über den Wert des Daseins14.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.