Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 414)
- Language
- German
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296 Wenn wir schon jetzt den Inhalt des Buches mit einem? wissenschaftlichen Terminus erschöpfend darstellen sollen, so müssen• wir sagen, das Buch lehrt vom Standpunkt der Erfahrungstatsachen des Hieniedens aus einen Pessimismus des Lebens, der aber durch! einen transzendentalen, d. h. einen übersinnlichen Optimismus dauernd überwunden wird. Dieser Optimismus seinerseits strömt uns zu aus den religiösen Heilswahrheiten, die wir freilich nicht mit dem Verstand, sondern nur mit dem Herzen erfassen können. Es entspricht dieser Grundcharakter des Buches jener merkwürdigen Auffassung vom Leben, die wir einer talmudischen Kontroverse entnehmen können. Im Talmud (Erubin 13 b) wird berichtet, dass 2*/2 Jahre die Schule Schammais und die Schule Hilleis darüber gestritten habe, ob das Leben für den Menschen ein Glück bedeute oder nicht. Die Schule Hillels erklärte das Leben als ein unbedingtes Glück, die Schule Schammais meint, es wäre für den Menschen besser, nicht geboren zu sein. Schliesslich habe man sich auf die Ansicht der Schule Schammais geeinigtr wonach also das Leben kein Glück sei. Freilich mit dem überaus bedeutsamen Zusatz, dass der Mensch, nachdem er geboren sei,, sich mit seinen Handlungen befassen solle, um das Leben doch noch zu einem relativen Glück zu gestalten. Das heisst doch wohl mit anderen Worten, dass durch die bewusste Verknüpfung des Lebens mit Gott, durch Gottesfurcht und gesetzmässiges Leben der Pessimismus überwunden werde, dass das Leben immer noch einen wertvollen Inhalt gewinnen könne. Ganz und gar ist das auch der Grundgedanke des Baches Koheleth: Der religiöse Optimismus besiegt den spekulativen Pessimismus 1 * *). Wenn wir nunmehr mit der Darstellung des Inhalts unseres Buches beginnen sollen, die den Nachweis von der Richtigkeit dieser Grundauffassung zu erbringen bestimmt ist, so ist zunächst zu bemerken, dass das Buch einer strengen Gedankeneinteilung entbehrt. Das ist bei dem Charakter des Buches, wie wir ihn bezeichnet haben, bei dem Charakter einer Herzensbeichte, bei der Darstellung quälender und schliesslich besiegter Zweifel auch l) Vergleiche hiezu die trefflichen Ausführungen in ״H. Goitein, der Optimismus und Pessimismus in der jüdischen Religionsphilosophie*4, Berlin* Mayer und Müller 1890, S. 7—11.