Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 413)
- Language
- German
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295 «er sich müht, es zu durchdringen, es doch nicht findet; auch wenn der Weise denkt, es erkennen zu wollen, er wird es doch nicht finden“ (VIII, 17). Wir haben in der kurzen Darstellung der pessimistischen ^Grundgedanken gesehen, dass die letzte Konsequenz dieser ver- Verblichen Anschauung die Verneinung des Lebens, d. h. das vollständige Sich-Abwenden vom Leben ist. Davon ist Koheleth nun soweit entfernt, wie der Osten vom Westen. Im Gegenteil, trotz seines schmerzvollen, fast bis zur Ermüdung wiederkehrenden Verdikts ״Eitelkeit der Eitelkeiten!“ ״Alles ist eitel!“ rät er, das Leben in den durch die Tatsache des göttlichen Gerichtes gezogenen Grenzen in Ruhe zu gemessen. An Gott und sein Gericht glaubt er fest und sicher. Wer aber an Gott glaubt, kann in dem bekannten philosophischen Sinne Pessimist nicht sein. Demgemäss zieht er aus seiner Anschauung nicht die Konsequenzen, die der philosophische Pessimist zu ziehen gezwungen ist. Er hasst das Leben nicht; jedenfalls bleibt er bei dem vorübergehend geäusserten Lebenshass nicht stehen. Im Gegenteil, er gibt Rat- Schläge, wie man das Leben trotz seines fragwürdigen Charakters nützlich und im Sinne der Rechtfertigung vor Gott einzurichten vermag. Diese seine Darlegungen sind durchaus praktische Philosophie; sie ergibt sich aus seiner theoretischen Auffassung der Welt und des Lebens. Wir werden das im einzelnen noch kennen zu lernen Gelegenheit haben. Das ganze Buch des Predigers ist die Beichte eines Mannes, der seine intimsten Anschauungen rückhaltslos aufdeckt, der uns seine Zweifel unverhohlen mitteilt, der vor allem nicht verschweigt den Zwiespalt seiner Seele, der daraus erwächst, dass es für den Intellekt Probleme gibt, die schlechterdings unlösbar sind, wenn der Mensch nicht seine Zuflucht nimmt zu den Herzenswahrheiten des Glaubens. Es ist aber auch die Beichte eines Mannes, der erkennen lässt, wie er ehrlich an der Lösung dieser Zweifel arbeitet und, da sie für menschliche Vernunft unlösbar bleiben müssen, sich vor dem Willen Gottes beugt, dem er seine Vernunft unterordnet. Schon diese Auffassung mag uns belehren, dass keinesfalls die Widersprüche in diesem Buche Widersprüche bleiben und uns darum auch nicht zu stören brauchen.