Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 412)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Buch Koheleth der Welt erhalten geblieben ist; das Gegenteil wäre sicher ein grosser Verlust gewesen. Um es nun auch sofort, ehe wir noch den Inhalt des Buches und seine Einzelheiten betrachten, begreiflich zu machen, wie es kommt, dass ein Buch so verschiedentlich eingeschätzt werden kann, seien folgende der Gesamtbeurteilung des Buches und dem Verständnis dienende Bemerkungen vorausgeschickt. Zwei Seelen sind es, die in Koheleths Innerem mit einander ringen. Es ist die Seele des nüchternen vorurteilslosen Philosophen, der das Leben als Empiriker betrachtet, so wie es ist, und der demgemäss sehr viel am Leben und an der Welt auszusetzen hat. Daneben macht sich aber in seinem Innern die Seele des glaubenstreuen, auf dem Boden der durch die Thora gelehrten Weltanschauung stehenden Juden geltend, der vermöge seines Glaubens fest überzeugt ist, dass die Welt, in der wir leben, die beste ist, dass das Leben Sinn und Bedeutung hat, dass alle Zweifel ihre positive Lösung finden und dass jeder Kritik und Ausstellung ohne weiteres der Boden entzogen ist, wenn wir die Hilfe des Glaubens in Anspruch nehmen. Freilich es schmerzt Koheleth, ja es bereitet seiner Seele Folterqualen, dass er nicht aus sich selber heraus die Antwort auf seine Fragen zu geben vermag, dass er nicht durch seine Verstandeskraft den Schleier der verbleibenden intelektuellen Geheimnisse zu lüften imstande ist. Pessimist ist Koheleth, soweit er es überhaupt ist, nicht allein im gewöhnlichen Sinn, nicht allein hinsichtlich der Beurteilung der Welt und des Lebens an und für sich, sondern ganz besonders in der Richtung, dass er es beklagt, dass menschliche Vernunft, also auch die eigene, unzulänglich ist zur Lösung der grossen Lebensrätsel. Es ist nicht zu leugnen, dass zumal dieser letztere Pessimismus, das Verzweifeln an dem Vermögen der menschlichen Verstandeskraft und die daraus entspringende Resignation dem Buch stellenweise einen sehr wehmütigen Zug verleiht. Charakteristisch ist in dieser Richtung der Satz am Ende des 8. Kapitels: ״Und beobachtet habe ich alle Handlungen Gottes, dass der Mensch nicht zu durchdringen vermag das Wirken Gottes, das unterhalb des Himmels geschieht, so dass der Mensch, auch wenn