Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 411)
- Language
- German
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293 Wenn wir hier aber auch zu diesen Anschauungen des Pessimismus und des Optimismus Stellung zu nehmen nicht veranlasst sind, so mussten wir doch davon sprechen, um das eigentümliche Schicksal des Buches Koheleth klar zu beleuchten, das tatsächlich allen Ernstes für beide Anschauungen schon in Anspruch genommen worden ist, um zu zeigen, dass gerade bei ihm das Wort zutriöt: ״Bücher haben ihre Schicksale Solche gegensätzliche Auffassung wäre aber nicht denkbar, wenn nicht das Buch selber, sei es nun falsch oder richtig verstanden, irgend welche Handhabe dazu böte. In der Tat ist das Buch des Predigers voll der krassesten und ergreifendsten Gegensätze. Die Frage wird deshalb die sein, ob es möglich ist, die Gegensätze zu erklären, als aus einem übergeordneten Gedanken geflossen zu erkennen oder in eine abschliessende Anschauung versöhnend hinüber zu leiten. Schon jetzt können wir diese Möglichkeit bejahen; ja wir können v׳m einer geschichtlichen Tatsache erzählen, die uns zeigt, dass eine sehr beachtenswerte Instanz vor fast 2000 Jahren ihr Urteil dahin gefällt hat, dass an den Widersprüchen und Gegensätzen in Koheleth ein Anstoss nicht zu nehmen ist, dass dieselben vielmehr bei richtiger Auffassung ihre Erklärung und Versöhnung finden. Diese Instanz waren die Weisen Israels und der Anlass, bei dem sie das Urteil fällten, war die Entscheidung über die Frage, ob das Buch des Predigers in die Sammlung der biblischen Bücher aufzunehmen oder von der Bibel auszusehliessen sei. Das letztere sollte geschehen, weil man bei den krassen Wider- Sprüchen des Buches eine Gefährdung des rechten Glaubens befürchtete. (Talmud Sabbath 30b.) Gewiss auch ein sehr merkwürdiges Schicksal dieses merkwürdigen Buches, aber auch ein sehr rühmliches Zeugnis für die Unbefangenheit und Gedankentiefe der Weisen Israels, dass sie sich für seine Aufnahme in die Bibel entschieden, indem sie sich dahin äusserten, dass bei richtiger Auffassung das Buch einen Anstoss nicht biete, weil tatsächlich alle scheinbar glaubensfeindlichen Aussprüche im Buche selber ihre befriedigende Erklärung finden. Man darf wohl annehmen, dass wir es diesem Urteil und dem darauf fussenden Beschluss zu verdanken haben, dass das Jahrbuch J. L. G. VIII. 19