Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VIII. 1910 - 5671 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 410)
- Language
- German
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292 Schopenhauer drückt dieses Werturteil des Pessimismus in folgenden charakteristischen Worten aus: ״Die durchgängige Beschaffenheit des Lehens stellt sich ‘dar, als darauf abgesehen und berechnet, die Ueberzeugung zu erwecken, dass gar nichts unseres Strebens, Treibens uud Eingens wert sei; dass alle Güter nichtig seien, die Welt an allen Enden bankrott und das Leben ein Geschäft, das die Kosten nicht deckt, auf dass unser Wille sich davon abwende“. Schopenhauer, der Herold, der moderne Prophet dieser trüben Lebensanschauung, die Cohen in seiner Ethik (S. 426) als den Abschaum einer verirrten trostlosen Grübelei bezeichnet, erklärt den Willen zum Leben als den allein wahren Ausdruck des innersten Wesens der Welt. Der Wille ist in seiner Erscheinung Begehren, d. h. Bedürfnis; denn man begehrt nur, wenn inan etwas bedarf. Alles Streben entspringt aber aus Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Zustande, aus Not, also aus Leiden, solange es nicht befriedigt ist. Schweigt das Begehren aber auf kurze Zeit, so entsteht Langeweile. ״Not und Langeweile sind die beiden Dämonen des Lebens; gleich einem Pendel springt das Leben zwischen Not und Langeweile hin und her. Der einzige Weg, sich vom Leben und Leiden zu befreien, ist die Verneinung des Willens zum Leben. Diese Konsequenz des Pessimismus, die Verneinung des Willens zum Leben, nennt Cohen mit Recht eine Methode im Wahnsinn (S. 528). Wir brauchen hier zu diesen beiden grundsätzlich einander ausschliessenden Anschauungen keineswegs Stellung nehmen. Ganz sicher muss es für die Bekenner einer positiven Religion ausgeschlossen sein, dass sie dem Pessimismus als Weltanschauung huldigen. Aber auch für denjenigen, der jede positive Stellung zu Fragen des Glaubens ablehnt, kann nie und nimmer auf dem Wege des Intellekts die Frage entschieden werden, ob der Optimismus oder der Pessimismus Recht habe. Es ist dies mehr oder weniger eine Frage des Subjekts, der persönlichen Veranlagung, wobei die Erfahrungen des eigenen Lebens einen nicht geringen Gewichtstein in die ein oder andere Wagschale legen.