Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VI. 1908 - 5669 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 373)
- Language
- German
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345 Sinne konform mit dem der übrigen Bewohner dieser Länder gebildet hat. Wollte man nun eine Darstellung der Vergangenheit des jüdischen Volkes in seiner Ganzheit bieten, so müsste man dem Schicksal der Juden in allen Ländern ihres Aufenthaltes nachgehen, eine schwere Aufgabe, wenn man beilenkt, dass hierbei auch die Geschichte der betreffenden Länder nicht unberücksichtigt bleiben kann. Eine Geschichte des jüdischen Volkes mit Berücksichtigung aller seiner Teile in den verschiedenen Ländern müsste daher zu einer Weltgeschichte im Kleinen werden, wobei aber der Historiker Gefahr läuft, sich von der eigentlichen Geschichte der Juden abzuwenden und sich in die Schilderung und Darstellung allgemein-politischer und kultureller Zustände zu verlieren, ganz abgesehen davon, dass die Mannigfaltigkeit in dem Geschicke der Juden verschiedener Länder zu gleicher Zeit eine einheitliche Darstellung an sich sehr erschweren muss. Und so war denn die Geschichte der Juden seit ihrer Zer- Streuung keine jüdische Geschichte mehr. Selbst da, wo sie, wie in Babylonien, noch über eine gewisse Selbständigkeit und Autonomie verfügt haben, war es nicht mehr eine jüdische Volksgeschickte, die sie lebten. Einmal ist diese Autonomie keine vollständige gewesen, sondern nur eine Teilselbständigkeit,־ die sich nur auf wenige Zweige des politischen Lebens erstreckte. Andererseits war ihre Lage durch den Herrschaftswechsel (von den Persern auf die Mohammedaner) und durch die unter den vei schiedenen Parteien und Sekten wütenden Kämpfe zu unsicher, als dass sich da ein jüdisches Volksleben und aus diesem eine jüdische Geschichtsschreibung hätte entwickeln können. Dies mögen die Hauptmomente sein, die uns das völlige Fehlen jeder historischen Forschung in einer Zeit erklären, in welcher doch sonst das regste Streben und Weben auf dem Gebiete der jüdischen Geisteswissenschaften geherrscht hat. Einige wenige kurze, sehr lückenhafte Berichte nur, die eher das Gepräge von Notizen als einer zusamraenhanglichen Darstellung tragen, sind es, was wir als zeitgenössische Aufzeichnungen über diese grosse und bedeutende Epoche jüdischer Geschichte besitzen. Und auch diese sind nicht etwa Schilderungen der jüdischen