Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 296)
- Language
- German
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236 dass die Mischna tatsächlich bis zur Zeit des Rabbi nicht aufgeschrieben wurde; erst Rabbi habe sie zusammengestellt und redigiert. Scherira hebt vermutlich diese seine Ansicht besonders hervor, um sie im Gegensatz zu der des Saadja Gaon zu dokumentieren. In dessen Namen berichtet nämlich eine karäische Quelle1): ״Mischna und Talmud waren vorher (vor der Zeit der grossen Synode) ungeschrieben vorhanden, dann kamen die Weisen, die von den Propheten gehört haben, und schrieben sie auf nach dem Diktate der Propheten.“ Scherira wollte dagegen betonen, dass die mündliche Ueberlieferung von den Vätern auf die Söhne das Wichtigste und von der Niederschrift ganz unabhängig ist. Hauptsächlich die richtige Ueberlieferung und die Darbietung in einer Form, welche die Leichtigkeit der Einprägung auch für spätere Generationen verbürgen kÖDnte, das war es, was Rabbi bei der Redaktion der Mischna im Auge hatte, und das hat auch seiner Mischna die allgemeine Verbreitung erwirkt. Doch ist Scherira der Ansicht, — wie aus vielen Stellen seines Sendschreibens nach dem Texte im Juchasin und in noch drei Manuskripten hervorgeht — dass die Mischna wohl in den Tagen des Rabbi niedergeschrieben wurde2). Die Frage über die Reihenfolge der einzelnen Traktate beantwortet Scherira nur teilweise, d. h. nur bezüglich der Ördnung Moed. Er sagt aber überhaupt, dass Rabbi nicht die einzelnen Traktate geordnet hat. Diese seien bereits vor Rabbi gesondert vorgetragen worden. Er selbst habe die einzelnen Trak- *) Vgl. Likute Kadmonijot Zusätze S. 94 — Zum Teil mag auch die Hervorhebung der Ansicht Scheriras als Widerspruch gegen die Karäer erfolgt sein, weiche die saadianische Ansicht gerne für ihre Zwecke verwerteten. s) ln den anderen Texten und Manuskripten fehlen wohl diese Stellen, in denen erklärt ist, dass die Mischna in den Tagen des Rabbi geschrieben wurde, oder sie sind geändert worden. Dies geschah aber direckt durch manche Abschreiber, welche die Ansicht des Scherira derjenigen der anderen anpassen wollten, welche annehmen, dass bis auf die letzten Generationen der Geonim Mischna und Talmud nicht niedergeschrieben, sondern nur mündlich tradiert worden seien. Da besonders die französischen Gelehrten, im Gegensatz zu den spanischen Gelehrten wie Rabbi Samuel hannagid und Maimonides, an der letztangeführten Ansicht festhielten, wurde der erste Text als der spanische und der andere als der französische bezeichnet. Wir behalten uns vor, an anderer Stelle ausführlicher darüber zu sprechen.