Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 210)
- Language
- German
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150 warum gerade sie in das Bereich seines geistigen Schauens so energisch einrückt. Wir haben schon bei Jesaias gehört, dass Tyrus als ein abschreckendes Beispiel des Hochmuts, der oft mit wachsendem Reichtum, dem Produkt eines rührigen und mächtigen Handels, verbunden ist, dem Gottesvolke vorgehalten werden sollte. Israel, bei dem ähnliche Zustände der Entartung sich berausgebildet hatten, sollte die Gefahren des Reichtums, die Überhebung, den Übermut, die Selbstgenügsamkeit, die nimmer zu befriedigende, stets wachsende Habgier, an dem Beispiel von Tyrus in ihrer ganzen Verwerflichkeit kennen lernen und durch das dafür verbängte göttliche Strafgericht gewarnt werden. Dieser schon bei Jesaias in markiger Kraft und meisterhafter Kürze dargestellte Grund erfährt bei Ezechiel, dessen Gestaltungsfähigkeit und Phantasie gerade hier besondere Triumphe feiert, eine eingehende Behandlung. In seinem König tritt uns dieser Hochmut, diese Gott herausfordemde Überhebung von Tyrus besonders krass entgegen. Ezechiel geisselt in beissender Ironie die Selbstvergötterung des tyrischen Königs, die ihr Gegenstück allenfalls an den ägyptischen Pharaonen hat. ״Menschensohn, — so lautet die Verkündigung an Tyrus’ Fürsten, — sprich zu dem Fürsten von Tyrus: So spricht mein Herr, der Ewige, wahrlich stolz war dein Herz und du hast gesprochen: ״Gott bin ich, auf einem Göttersitz habe ich mich niedergelassen im Herzen der Meere“ — du aber bist ein Mensch und kein Gott und doch hast du deinen Sinn gleich gemacht dem Gottes — siehe, weiser bist du als Daniel, alles Vergorgene bleibt vor dir nicht verhüllt! Durch deine Klugheit und Vernunft hast du dir Vermögen verschafft, häuftest Gold und Silber in deinen Schatzkammern, durch die Fülle deiner Weisheit im Handelsbetrieb hast du dein Vermögen vermehrt, so dass dein Sinn sich überhob ob deiner Macht! Darum spricht der Ewige, mein Herr: ״Weil du deinen Sinn gemacht hast dem Gottes gleich, darum will ich Ausländer gegen dich herbeibringen, die Trotzigsten der Völker, die werden ihre Schwerter zücken gegen deine Weisheitspracht und deine Schönheit entweihen. In die Gruft werden sie dich hinabstürzen, du wirst sterben den Tod der Erschlagenen im Herzen der Meere. Wirst du alsdann auch vor deinen Mördern sprechen: ״Ein Gott bin ich!“? Ein Mensch bist du, kein Gott,