Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 184)
- Language
- German
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124 Dass Hartmann für den Talmud und seine kulturelle Bedeutung kein Verständnis hat und darum von der ״geistentleerten Dürre talmudischer Dialektik“ spricht, ist nicht zu verwundern; er teilt diese Auffassung mit manchen jüdischen Schriftstellern. Aber er sieht z. B. auch in der Sabbatheiligung nur den drückendsten und am schwersten zu erfüllenden Teil des jüdischen Zeremonialgesetzes, ohne auf die soziale Bedeutung des Ruhetages, die doch heute mehr als je gewürdigt wird, auch nur mit einem Worte einzugehen und ohne die beglückende Innigkeit der Sabbathfeier in der Familie auch nur zu ahnen. Das Judentum, meint er resümierend, hat seit achzehnhundert Jahren aufgehört, eine Triebkraft im religiösen Entwicklungsgang darzustellen. In Wahrheit sind bei allen religiösen Bewegungen jüdische Ideen wirksam gewesen. Wie z. B. Juden bei der Wiederbelebung der hebräischen Studien in Deutschland mitwirkten und damit auch auf die Reformation indirekt einen bedeutsamen Einfluss ausübten, das hat Heine in seinen Abhandlungen ״zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ trefflich dargestellt. Und wenn heute das Streben weiter christlicher Kreise dahin geht, die spezifisch christlichen Dogmen abzustreifen und einem Unitarismus sich zuzuwenden, so bedeutet das im Grunde nichts anderes als die Rückkehr zu dem vom Judentum allein in Reinheit bewahrten Monotheismus. Diese kulturelle Bedeutung des Judentums vermag aber Hartmann nicht zu würdigen. Behauptungen, wie die früher erwähnte, von der ״zufälligen“ Entstehung des Monotheismus sind gerade vom Standpunkt des philosophierenden Historikers so seltsam, man möchte fast sagen, so ungeheuerlich, dass sie sich nur aus einer Art literarischer Farbenblindheit erklären lassen, die alle diese Männer befällt, sobald es sich um ein Urteil über Juden und Judentum handelt. Bei Hartmann kommt zu der natürlichen Antipathie noch seine Theorie, dass der Pessimismus die Grundlage alles religiösen Empfindens sei, während das Judentum bekanntlich einem relativen Optimismus huldigt. In Wahrheit fuhrt der Pessimismus zur Weltverneinung, während der Optimismus allein zu lebendigem Schaffen und zu sittlicher Betätigung innerhalb der Welt befähigt. Die theoretischen Ausführungen Hartmanns über das Judentum kommen nun, wie wir früher bemerkt haben, auch in seiner