Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 183)
- Language
- German
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123 zahlt, um sich vor Schaden zu wahren, um sein irdisches Gedeihen zu sichern und die ewige Seligkeit zu erwerben. Dass im Judentum gerade die selbstlose Liebestätigkeit, die überhaupt nicht an eine Vergeltung denkt, am höchsten geschätzt wird, weiss er nicht oder er ignoriert es. Auch den Begriff der Gerechtigkeit der Väter, des זכות אבות, die zu einem Schatz der Verdienste für die Söhne wird, kritisiert er, indem er behauptet, hier trete die nationale Beschränktheit der jüdischen Religion wieder in der abstossendsten Gestalt hervor. Denn, so meint Hartmann, die Heiden haben gar kein Teil an dieser Gnade, auch wenn sie strenge Proselyten werden. Hier hat Hartmann die Tatsachen geradezu in ihr Gegenteil verkehrt. Bei den Dezisoren wird bei einer Erörterung dieser Frage gerade betont, dass auch der Proselyt im Gebete Gott als den Gott der Väter, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, anrufen kann, weil sie die geistigen Väter des Monotheismus sind, und der גר, der Übergetretene, wird bekanntlich als בן אברהם zur Thora gerufen, eben weil Abraham in der Bibel als ״Vater einer Menge von Völkern“ bezeichnet, also speziell auch der Vater aller derer genannt wird, die sich dem Glauben an den einzigen Gott zuwenden. — Wie wenig Hartmann in das Verständnis des Judentums und seiner Geschichte eingedrungen ist, zeigt sich auch in seiner Behauptung, dass die jüdische Gesetzesgerechtigkeit aristokratisch exklusiv sei. Denn Wohltätigkeit und Gesetzesstudium seien zwei Hauptbedingungen eines gottgefälligen Lebens; Wohlstand und Bildung aber könnten immer nur im Besitz einer Minorität sein. Hartmann weiss nicht, dass das גמילות חסד des Juden nicht blos Wohltätigkeit im engeren Sinne ist, dass hierunter vielmehr die Liebestätigkeit in ihrer umfassendsten Form verstanden wird, die ebenso Unterstützung der Armen wie persönliche Hilfeleistung gegenüber dem Nächsten, Krankenbesuch, Trostspenden an Trauernde u. s. w. in sich begreift, die also von dem Armen ebenso wie von dem Reichen geleistet werden kann. Und er hat auch keine Ahnung davon, in welchem Masse das Ideal des Judentums, alle Volksklassen mit der Kenntnis der religiösen Wissenschaft zu durchdringen, in manchen Perioden erreicht worden ist, dass z. B. unter den gefeiertsten Talmudlehrern ebensowohl Männer vom grössten Reichtum wie einfache Handwerker und Taglöhner genannt werden.