Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 175)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3486266-3486279--2668-3488588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
115 der Kette der Entwicklung bildet und hinter dem Christentum zurücksteht. Denn soviel Voreingenommenheit haben auch die ״voraussetzungslosen“ und jedem positiven Glauben abgeneigten Philosophen, dass sie die Religion, in der sie geboren sind, von vornherein höher stellen als jede andere. Hartmann unterscheidet zwei Hauptperioden in der religiösen Entwicklung der Menschheit: die naturalistische und die supranaturalistische Anschauungsweise. In der letzteren bespricht er zuerst den abstrakten Monismus, wie er in den indischen Religionen, im Brahmanismus und Buddhismus, uns entgegentritt, und dann den Theismus des Judentums und Christentums, wobei auch der Jslam gestreift wird. Bemerkenswert ist, dass nach Hartmann das sittliche Bewusstsein der Menscheit sich ausschliesslich auf Grund ihres religiösen entwickelt hat, dass es nirgends ohne dieses entstanden und in seiner besonderen Färbung überall durch dieses bedingt und bestimmt gewesen ist. Im Theismus selbst konstruiert er zwei Hauptentwickelungsstufen, den primitiven Monotheismus und die Gesetzesreligion, die wiederum in einzelne Unterabteilungen zerfallen. Wir müssen von vornherein bemerken, dass Hartmann die Quellen des Judentums, soweit die biblische Literatur in Frage kommt, nach Uebersetzungen studiert hat und ihnen nicht so fremd gegenüber steht wie etwa Schopenhauer, der nicht einmal die Propheten kannte. Trotzdem aber hat — ich möchte sagen, aus einem instinktiven Gefühl heraus — Schopenhauer in gewissem Sinne über den Einfluss des Judentums auf die Kultur richtiger geurteilt als Hartmann. Bei ihm bildet die offenbare Animosität gegen das Judentum ein Hindernis für die richtige Erkenntnis. Der Antisemitismus hat ja schon den grössten Geistern den Blick getrübt und hat der Wissenschaft oft den schwersten Schaden zugefügt. Dass dieser literarische Antisemitismus bei den Christliehen Theologen die üppigsten Früchte trägt, darf uns freilich nicht wunder nehmen; sie sind sozusagen ex officio Feinde des Judentums, die seine Ideen bekämpfen und seinen Wert herabwürdigen müssen. Dass auch ein Philosoph wie Hartmann sich dem Einfluss solcher Gefühle nicht zu entziehen vermag, konnte uns wundern, wenn wir nicht wüssten, dass die Forderung einer ״voraussetzungslosen Wissenschaft“ eine unerfüllbare ist und dass