Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- VII. 1909 - 5670 (1910)
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 135)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3486266-3486279--2628-3488548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 Gesinnung* bekunden und beide auf dem Irrtum beruhen, dass das Verhalten der Zeitgenossen Lippolds einen Schluss auf seine Schuld zulasse. ״Das Schicksal der Juden rührte Niemand; gefürchtet und gehasst von Christen und seinen Glaubensgenossen, sah man mit Genugtuung einem ßichterspruche entgegen, welcher sich dem Urteil der öffentlichen Meinung anpasste/4 Die Antwort auf diesen — übrigens in schlechtem Deutsch verfassten — Satz gibt H e s s 1 e i n, indem er hinzufügt: ״Gewiss, war doch der zu richtende ein Jude, ein Hexenmeister und — der Günstling eines Fürsten! Dieselbe öffentliche Meinung, die in den entsetzlichen Hexenprozessen sich den Verurteilungen von armen 10־ und 12-jährigen Kindern angepasst haben mag, diese Art von öffentlicher Meinung mag auch über die an dem Juden Lippold verübte Schlächterei Befriedigung empfunden haben. Seine eigenen Glaubensgenossen gewiss nicht“1). In der Tat hat ג) Hesslein: Berlins berühmte und berüchtigte Häuser, 2. Aufl. Berlin 1881. S. 527 Note. Überhaupt haben wir in Hesslein einen vernünftigen Beurteiler Lippolds und seiner Zeit. Als Beleg diene folgende ,Stelle seines Buches über Lippold (S. 520 f.): ״Freilich, aus dem Nichts oder aus dem Sande vermochte er es (das Geld) nicht hervorzuzaubern. Er trieb es gegen Zins bei seinen Glaubensgenossen auf, die enthaltsam und massig, auf ihr häusliches Leben angewiesen, obwohl sie an allen Enden angezapft wurden, Vermögen erwarben und solches zusammenhielten, indem sie alle Chancen ihres Geschäftes zu benutzen verstanden. Nicht der Wucher, sondern der Umstand, dass die ]uden stets im Besitze flüssigen Geldes waren, zumal sie weder Grundbesitz erwerben, noch ein Handwerk betreiben, noch irgend einem zünftigen Gewerbe obliegen durften, das wurde ihnen zum Verbrechen gemacht. Es war ja Christengeld, sagte man• Es fiel dem Volke nicht ein, die mühsame, rastlose, geplagte Tätigkeit der Juden mit ins Fazit zu ziehen. Wie anders lebte die christliche Welt! Die Einwohner von Berlin, sagt Trittenheim, sind gut, aber rauh und ungelehrt. Sie lieben die Schmausereien und den Trunk mehr als Wissenschaft. Die Juden aber, wenn auch von allem öffentlichen Leben ausgeschlossen, besassen doch an ihren heiligen Ueberlieferungen einen unversiegbaren Born geistiger Erkenntnis und waren daher dem rohen Volke, von dem sie verhöhnt und getreten wurden, geistig beiweitem überlegen. Daher kam es, dass die gebildeten und geistreichen Fürsten an ihrem oft sehr gediegenen Wissen und an ihren Geisteseigenschaften Gefallen fanden. Auch Lippold war dem Kurfürsten Joachim II., der nicht allein Schlösser baute und Maitressen hielt, sondern auch für die Hebung des Volksunterrichts durch wesentliche Reformen wirkte, sicher nicht nur als Kämmerer, sondern auch als Mensch lieb und wert“.